Der Mann, dem Occy vertraut

Für die meisten ist Mark Occhilupo einer der besten Surfer aller Zeiten. Kelly Slater vergleicht Occy lieber mit einer dahinrasenden Rakete kurz vor der Explosion. Wahr ist, dass der Australier während seiner langen Karriere als Pro-Surfer von 1983 bis 2007 mehr erlebte, als ein Dutzend Menschen zusammen. Viel davon geschah hinter verschlossenen Türen, doch jetzt hat er Tim Baker, dem Autor seiner Biografie, alles erzählt. Von Heiratsplänen mit Mädchen, die er kaum kannte, Drogenexzessen im Dschungel Indonesiens und dem Gefühl, jahrelang auf einer Couch zu sitzen. Occy ist oft abgestürzt, doch er kam immer wieder zurück. Wir fragten Tim Baker, wie er die Achterbahnfahrt seines Lebens überstanden hat.

Du weißt wahrscheinlich mehr über Occy als jeder andere. Würdest du gerne mit ihm tauschen?


Tim: Ich weiß nicht. Occys Leben gleicht einem wahren Höllenritt. Es wäre ein Traum, Spots wie J-Bay, G-Land oder Pipeline so zu surfen, wie nur Occy es kann. Gleichzeitig wäre es ein Alptraum im monatelangen Drogenrausch jeglichen Bezug zur Realität zu verlieren oder von Depressionen heimgesucht so viel zuzunehmen, bis mir keine Jogginghose mehr passt. Ich bezweifle, dass ich die Kraft hätte mich aus so einem Tief wieder nach oben zu kämpfen, so wie Occy es tat. In Wirklichkeit bevorzugen die meisten von uns doch ein etwas ruhigeres Leben – ich ebenfalls.

Hat dich Occy angerufen und ein Buch über sein Leben verlangt oder musstest du ihn tagelang überreden, bis er endlich dem Projekt zugestimmt hat?

Tim: Das war ganz anders. Als Occy 1999 seinen Weltmeistertitel holte, unterschrieb er einen Vertrag und verpflichtete sich, seine Biografie zu veröffentlichen, sobald er sich von der Pro Tour verabschiedet. Natürlich dachte damals niemand, dass Occy noch bis 2007 die Dream Tour bestreiten würde. Dann machte Occy Ernst, erklärte seinen Rücktritt und seinem Manager fiel der längst vergessenen Buchvertrag wieder ein. So kam ich ins Spiel.

Bei manchen Kapiteln kann man kaum glauben, was auf den Seiten steht. Als Dreijähriger fiel Occy ins Meer und trieb ohne jegliche Furcht davon, bis ihn sein Vater irgendwann wieder aus dem Wasser fischte. Dann raste er mit seinem Motorrad gegen ein Auto, vollführte in der Luft einen Salto und landete tatsächlich auf seinen Füßen oder ein Killerwal tauchte beim Surfen direkt vor ihm auf. Gibt es eine bestimmte Anekdote, die du kaum glauben konntest?

Der Salto über das Auto klang für mich wie eine Räuberpistole, aber zwei Augenzeugen – Tom Carroll und Cheyne Horan – haben geschworen, dass es sich wirklich so zugetragen hat und Occy ohne einen Kratzer davonkam. Aber auch ganz andere Aktionen haben bei mir Kopfschütteln ausgelöst. Etwa als Occy mit einem Riesengewinn aus dem Spielcasino kam, das ganze Geld auf dem nächsten Golfplatz vergrub und es später holen wollte. Später wusste er nur nicht mehr, wo das Versteck war und so fand er seinen Gewinn nie wieder.

Bei solchen Aktionen wirkt Occy wie ein großes Kind. Auch, wenn er am Flughafen sein brandneues Board ohne jegliches Bag eincheckt und davon ausgeht, dass sein Surfboard unbeschadet am Ziel ankommen wird. Oder als er beschloss, die Pro-Karriere aufzugeben und wie ein Local auf Hawaii zu leben – bis er merkte, was es heißt zu arbeiten, er nicht mehr zu jeder Zeit surfen konnte und schnell wieder Pro wurde. Ist Occy naiv?

Ich glaube eher, dass Occy in vielen Dingen unserer komplizierten Welt keinen Sinn sieht und dann etwas ungewöhnlich reagiert. Oft so enthusiastisch und energiegeladen, wie ich es sonst nur von Kindern kenne – ohne jeden Schritt zweimal zu überlegen, wie es viele Menschen aus Angst vor Fehlern tun. Er sagte mir auch ins Gesicht, dass ein Interview immer nur eine Stunde dauern darf. Dann musste Occy erstmal surfen und sich vom vielen Reden erholen. „Sonst wird ihm schwindelig“, meinte er.

Gab es auch Dinge, über die Occy nicht reden wollte? Geheimnisse, die er für sich behalten wollte?

Eigentlich war er sehr offen. Sprach sogar ohne zu zögern über seine sogenannten „Elvis Jahre“, die er auf der Couch vor dem Fernseher verbrachte und so zunahm, dass ihn niemand mehr erkannte. Nur beim Thema Drogen und seinen wilden Jahren hatte Occy Angst, vielleicht ein schlechtes Vorbild abzugeben und wollte nicht ins Detail gehen. „Ich will kein Kind verschrecken, wenn es das liest“, sagte er oft.

1988 war Occy der absolute Favorit für die Weltmeisterkrone, trotzdem musste er noch zehn Jahre warten und holte den Titel erst 1999. Warum schaffte er es nicht früher?

Ich glaube, dass Occy in den 80er Jahren zu emotional surfte. Bei großen Wettkämpfen oder gegenüber schweren Gegnern drehte er voll auf und gab alles. Aber wenn die Wellen schlapp waren, hatte er oft keine Lust. Später, nach seinem Comeback, war er viel disziplinierter und ließ sich von seinem Ziel nicht mehr abbringen.

„Occy: The rise and fall and rise of Mark Occhilupo” von Tim Baker und Mark Occhilupo, in Englisch, ab 21 Euro