Manoa Drollet über Angst
„Seid wie das tobende Meer“, riefen Häuptlinge auf Tahiti ihren Henkern aufmunternd zu, wenn es darum ging, die Götter mit frischen Menschenopfern zu besänftigen. Kaum ein Vergleich hätte passender sein können. Denn die riesigen Wellen rund um die Insel im Südpazifik entladen sich mit solch vernichtender Gewalt auf den seichten Riffen vor der Küste, dass sie leicht ein Menschenleben auslöschen können – so leicht, wie die messerscharfe Klinge des Henkerschwerts. Heute sind die Opferungen lange Vergangenheit, doch die Wellen noch brutal wie eh und je und Local Manoa Drollet in der ganzen Welt dafür bekannt, sich den größten Brechern zu stellen – Wellen, die keine Gnade kennen. Wenn Manoa surfen geht, betritt er eine Welt, in der Angst allgegenwärtig ist – ein Gefühl, das er bis ins letzte Detail analysiert hat.
„Du kannst Angst haben, weil du dich mit etwas Unbekanntem konfrontiert siehst oder weil du plötzlich erkennst, dass dir genau jetzt Gefahr für Leib und Leben droht. Zwei völlig unterschiedliche Gründe, die beide zum gleichen Ergebnis führen: du spürst die Angst in deinem Körper nach oben kriechen und sich so schnell ausbreiten, wie eine Million hungriger Ameisen. Die Kunst ist, zu erkennen, wann Angst berechtigt ist und wann nicht.
Angst ist ein Reflex, der seit Urzeiten in unseren Genen verankert ist, deshalb kannst du nicht gegen Angst immun werden und sie aus deinem Leben verbannen. Aber du kannst lernen sie zu beherrschen, denn Angst kann dich lähmen oder aber Stress auslösen – nicht gut, wenn du in eine senkrechte Wall droppst, während sich die scharfen Feuerkorallen deutlich unter Wasser vor dir abzeichnen.
Zu erkennen, wovor man Angst hat, ist leicht. Schwierig ist die Entscheidung, ob es sich lohnt, seine Angst zu überwinden oder ob man sich lieber ein anderes Hobby sucht. Ich habe zum Beispiel tierische Angst vor Schlangen und halte ich mich einfach fern von den Biestern. Große Wellen sind ebenso Furcht einflößend – alleine der markerschütternde Donner einer herabfallenden Lippe auf die Wasseroberfläche lässt das Adrenalin durch deinen Körper schießen. Als Tahitianer bin ich praktisch mit Wellen aufgewachsen. Sie haben mich immer fasziniert und gleichzeitig geängstigt. Aber ich wollte diese Brecher unbedingt reiten, also lernte ich und sammelte Erfahrungen, bis ich mich in der Lage fühlte, jede Welle – egal, wie groß – surfen zu können.
Ich kann mich noch gut an meine ersten Tage mit richtig großen Wellen erinnern. Ich war noch ein Teenager, saß wie versteinert im Line Up und verfluchte mich, dass ich nicht zu Hause geblieben war – so wie alle anderen Kinder. Ein Gedanke, der mich wenige Augenblicke später unglaublich ärgerte. Ich war von mir selbst schockiert und frustriert zugleich. Ich konnte meine Angst nicht akzeptieren, also beschloss ich, noch härter zu trainieren und zu lernen, bis ich soweit war, diese Wellen mit einem guten Gefühl im Bauch zu reiten.
Manoa Drollet überwindet seine Angst – ganz offensichtlich mit Erfolg (Pic: Tim Jones).
Ich glaube, dass jeder Mensch die Fähigkeiten in sich trägt, seine Ängste zu überwinden, auch wenn das stark von der Persönlichkeit abhängt. Mentale Stärke beruht auf Wissen, Erfahrung und beim Surfen auch auf Fitness und Kondition. Wenn du all das hast, musst du nur noch die Risiken abwägen und wissen, dass du es willst.
Ein guter Surfer muss auf seine Fähigkeiten vertrauen. Er muss sich mit einem gefährlichen Spot auseinandersetzen und jedes Detail in seinem Kopf abspeichern. Aber er muss auch daran denken, was passieren könnte. Sich das Worst-Case-Szenario vorstellen und mental darauf vorbereiten – sonst sieht er sich plötzlich mit einer unbekannten Situation konfrontiert und ist vor Angst gelähmt. So kann eine beinahe harmlose Situation kritisch werden und eine kritische zu deinem schlimmsten Albtraum. Deine Vorbereitung macht am Ende den Unterschied.
Ich habe gemerkt, dass mir Extremsituationen manchmal großen Spaß und teils tiefe Befriedigung bereiten. Sich immer weiter zu pushen ist ein großartiger Weg der Selbsterfahrung und die Möglichkeit, ganz neue Seiten an dir selbst zu entdecken.“


