Ein Team von Ingenieuren hat im Baskenland eine neue künstliche Welle geschaffen. Das Patent stößt weltweit auf großes Interesse – und könnte den Surfsport in ein neues Zeitalter führen.

Text: Christian Helten
Fotos: WAVEGARDEN

Etwa 40 Autominuten im Landesinneren von San Sebastian schmiegt sich ein kleiner See in die grüne Hügellandschaft. Wiesen, Wälder, Bauernhöfe. Das Wasser liegt ganz still da, es schimmert in der Sonne, auf der glatten Oberfläche spiegeln sich die Birken und Eukalyptus-Bäume. Und dann geschieht das Unglaubliche. Das Wasser gerät in Bewegung. Wellen bilden sich. In gleichmäßigem Abstand, etwa hüfthoch. Ein kleiner Groundswell, weit weg vom Meer. Die Wellen beginnen zu brechen, als perfekte Lefts mit kleinen Tubes rollen sie bis ans Ende des Sees.

Es ist ein Anblick, der selbst gestandene Pro-Surfer aus der Fassung bringt. Als das O’Neill-Team die Welle besuchte, hüpfte Jordy Smith herum wie ein kleines Kind. Ungläubig zeigte er mit dem Finger auf die Welle, seine Stimme überschlug sich, und mehr als „Oh my god, oh my god!“ brachte er sowieso nicht hervor.

„Das Telefon klingelt ununterbrochen, und wir sind noch dabei, über 2000 E-Mail-Anfragen aus der ganzen Welt zu bearbeiten.“ – Karin Frisch

Dabei ist diese Welle nur ein Prototyp, der Vorläufer einer größeren Version. Eine Right und eine Left soll es dann geben, schulter- bis kopfhoch. Die berühmteste Welle des Baskenlandes heißt vielleicht schon bald nicht mehr Mundaka – sondern Wavegarden.

Die Firma Wavegarden hat die Technologie entwickelt, damit überall auf der Welt solche Anlagen gebaut werden können. Das Interesse sei enorm, sagt Karin Frisch, Mitgründerin von Wavegarden: „Das Telefon klingelt ununterbrochen, und wir sind noch dabei, über 2000 E-Mail-Anfragen aus der ganzen Welt zu bearbeiten. Sogar ein texanischer Ölbaron will einen Wavegarden bauen.“ Texas, Russland, Asien – die Anfragen kommen von überall. Auch in Deutschland bewegt sich schon etwas. In München brüten bereits Surfer über Business-Plänen, in Berlin besteht Interesse, und eine Gruppe Kölner macht für ihr „Wave Garden Deutschlandprojekt“ auch über facebook mobil. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis deutsche Surfer Qualitätswellen mit Konstanz nicht mehr im Ausland suchen müssen.

Die Idee, künstliche Wellen zu erschaffen, ist nicht neu. Der Kalifornier Tom Lochtefeld begann schon in den Achtzigerjahren mit Experimenten für stehende Wellen. Daraus entstand der Flowrider, den es heute in den verschiedensten Versionen in unzähligen Wasserparks auf der ganzen Welt gibt. Mit Surfen im Meer hat das Ganze allerdings nur entfernt etwas zu tun. Die bisher beste künstliche Welle gab es im Ocean Dome in Japan. Ein A-Frame-Peak, hohl, sauber brechend. Sie ist aber seit 2007 schon wieder Geschichte, der Ocean Dome musste schließen.

„Das Problem der bisher bestehenden Wave-Pools ist, dass sie sehr viel Energie verbrauchen und deshalb nicht rentabel werden.“ – Karin Frisch

Jetzt aber könnte die Surfwelt vor einem Durchbruch stehen. Der Wavegarden-Wellengenerator ist laut seinen Machern so konzipiert, dass er sich in praktisch jedes Gewässer einbauen lässt – auch in bereits bestehende. Gechlorte Pool-Anlagen wären dann nicht mehr notwendig. Die künstlichen Wellen der Zukunft können in natürliche Landschaften eingebettet werden, ähnlich wie der Prototyp im Baskenland. Vor allem aber begünstige das Wavegarden-Konzept auch wirtschaftlichen Erfolg, sagt Karin Frisch: „Das Problem der bisher bestehenden Wave-Pools ist, dass sie sehr viel Energie verbrauchen und deshalb nicht rentabel werden. Unsere Maschine verbraucht nur ungefähr ein Viertel so viel Energie.“

Es hat lange gedauert, bis das Wavegarden-Team die eigenen Wellen zum ersten Mal surfen konnte. 10 Jahre Entwicklungsarbeit stecken in dem Projekt. José Manuel Odriozola, der zweite Wavegarden-Gründer und Ingenieur der Welle, bastelte zuerst zwei Jahre alleine an ersten Modellen. Stundenlang saß er am Meer und studierte die Wellen. Wie brechen sie? Wie schnell bewegen sie sich dabei fort? Wie ist der Untergrund beschaffen? Nach und nach vergrößerte sich das Team, mit öffentlichen Fördergeldern und der Hilfe privater Investoren baute es bisher fünf Prototypen, jeden ein Stück größer und besser als der vorherige. Der nächste soll diesen Sommer fertig werden. Er könnte das Endergebnis der Entwicklung sein.

„Jede Welle ist exakt gleich, du hast also die Möglichkeit, Sachen unendlich oft zu probieren. Es ist der Wahnsinn!“ – Bobby Martinez

Das Prinzip des Wellengenerators erscheint zunächst simpel. Unter Wasser bewegt sich eine Art Schneepflug auf Schienen nach vorne und bringt das Wasser in Bewegung. Dahinter stecken aber komplizierte Berechnungen, sagt Karin Frisch: „Der Generator muss eine ganz bestimmte Form und Größe haben. Er muss sich mit der richtigen Geschwindigkeit bewegen. Und der Untergrund muss natürlich auch stimmen.“ Um die Welle zur heutigen Perfektion zu bringen, holte sich das Team auch Unterstützung von Aritz Aranburu, dem Baskischen WCT-Surfer. „Es ging vor allem darum, ihnen nach jeder Welle eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie sich der Ride anfühlte“, erzählt Aritz. Er ist vom Ergebnis begeistert: „Ich konnte kaum einen Unterschied zu Wellen im Meer feststellen.“

Wavegarden hat das Potenzial, die Welt des Surfens zu verändern. Größe und Geschwindigkeit der Welle lassen sich regulieren und dadurch den unterschiedlichen Erfahrungsniveaus anpassen. Die Welle bietet deshalb perfekte Trainingsbedingungen, sowohl für Anfänger, als auch für Pros: „Es ist der perfekte Ort, um neue Tricks zu lernen“, sagt Bobby Martinez, der die Welle auch schon getestet hat. „Jede Welle ist exakt gleich, du hast also die Möglichkeit, Sachen unendlich oft zu probieren. Es ist der Wahnsinn!“

Der Satz „You should have been here yesterday“ könnte überflüssig werden, Surfen wäre so einfach wie der Besuch eines Skateparks.

Der wichtigste Punkt ist aber ein anderer: Wavegarden könnte das Nadelöhr des Surfens beseitigen. Bislang waren Wellen ein durch die Natur begrenzter Rohstoff. Swell, Gezeiten, Küstenform, Wind – das Zusammenspiel dieser Faktoren ist sensibel, und die Natur schert sich einen Dreck darum, wie viele wellenhungrige Surfer ihre Portion Barrels abbekommen wollen. Wenn die neuen von Menschenhand geschaffenen Anlagen sich durchsetzen, sind Wellen plötzlich nahezu unendlich verfügbar. Sie lassen sich reproduzieren, Surfer müssen keine weiten Wege ans Meer auf sich nehmen, sie müssen noch nicht mal mehr Swell- und Windkarten lesen oder Strömungen einschätzen können. Der Satz „You should have been here yesterday“ könnte überflüssig werden, Surfen wäre so einfach wie der Besuch eines Skateparks. Dem Sport könnte das einen riesigen Boom bescheren. Sogar eine Aufnahme des Surfens unter die olympischen Disziplinen scheint möglich. Die International Surfing Association (ISA) setzt sich seit Jahren dafür ein, und hat dabei längst darauf hingewiesen, dass es ohne künstliche Wellen nicht gehen wird. Vor kurzem ist die ISA auch mit Wavegarden in Kontakt getreten.

Wellen, die immer gleich sind und unendlich vorhanden – damit könnten natürlich auch wichtige Teile dessen, was das Surfen ausmacht, verloren gehen: Die Suche nach Wellen. Die Freude, nach stundenlangem Spotcheck endlich doch eine Bucht mit Offshore gefunden zu haben. Das Gefühl, sich mit bloßer Kraft des eigenen Körpers mit den Naturgewalten zu messen. Der totale Einklang mit der Natur, in dem man sich bei einer Session an einem einsamen Spot befindet. Dafür werden Surfer nach wie vor ans Meer fahren müssen. Und sie werden es wahrscheinlich auch dann tun, wenn sie ihren ersten Take Off auf einer künstlichen Welle gemacht haben.