Santa Cruz. Auf ihre Surf-Helden wirkt der Name der Stadt am westlichen Ende Amerikas wie ein geheimes Codewort: „Santa Cruz.“ Sofort funkeln die Augen der Surfer, die diese Stadt und die umliegenden Wellen (allen voran Steamer Lane und Mavericks) zu denen gemacht haben, die sie heute sind – lebende Legenden wie Jack O’Neill, Jason „Ratboy“ Collins oder Darryl „Flea“ Virotsko. „Santa Cruz“ und Anekdoten von der Erfindung des Wetsuits, Faustkämpfen im Line-Up, Schusswechseln in der Westside oder der Geburtsstunde des Aerial-Surfing – sie alle schlagen schäumend über einem zusammen wie die Lippe der Steamer Lane an einem riesigen Tag. Man muss sich nur trauen: „Santa Cruz!“ – schon wird man verbal gebarrelt. Lang, heftig, tief.
Text: Henner Thies
Fotos: Sergio Villalba & Henner Thies
Joey „The Head“ Hudson „Hey! What’s up man?“, ruft eine kleine, muskelbepackte Gestalt übertrieben laut in die verschlafene Runde neoprentragender Neuankömmlinge. Die Hände in den Hosentaschen steht der Mann an seinen gold-grauen, leicht rostigen Pick-Up gelehnt vor der Lobby des Dream Inn Hotels, 175 West Cliff Drive, Santa Cruz. „Seid ihr die Medien-Jungs aus Europa?“ Fragende Blicke. Mit langsamen Schritten kommt das breitschultrige, leger gekleidete Kraftpaket auf uns zu. „Hi – ich soll euch mit zum Surfen nehmen, ein paar Spots zeigen!“ Der Händedruck des blonden Quadrats hat es in sich. „Ich bin Joey! Joey Hudson! Die Leute nennen mich ‚The Head’, you know…!“ Joey „The Head“ Hudson spricht genauso wie er Hände gibt – mit Nachdruck. Sein Kopf ist riesig. Muss schwer sein. Vielleicht hat er deshalb einen solchen Stiernacken? „Wir fahren nach Norden! Waddell Creek! Da sollte heute was gehen! Für die Lane ist es zu klein, you know!“
Kurz darauf passieren wir „die Lane“. Diesen Kosenamen haben die Locals ihrem längst berühmten Weltklasse-Spot Steamer Lane gegeben. Die Lane umfasst, vom rot-weiß geringelten Leuchtturm am Point aus gesehen, vier rechte Pointbreaks, die am Ende in eine lang gezogene Bucht münden. An großen Tagen, so Joey, könne man vom Leuchtturm bis zum Pier surfen, der kurz vor dem Santa Cruz Harbour meterweit in die Bucht hineinragt, dort wo der San Lorenzo River in den Pazifik mündet. Der Fluss teilt die Stadt in Westside und Eastside. „Die Westside ist die üble Seite der Stadt, you know!“, meint Joey. „Nicht nur weil die Lane um einiges heftiger bricht als die Spots am Pleasure Point auf der Eastside! Das Westside-Viertel ist auch das ärmere von beiden!“ Vor allem Gang-Kriminalität sei allgegenwärtig, tönt Joey. Tatsächlich ist die Verbrechensbilanz der Westside erschreckend: So berichtet der Santa Cruz Sentinel bis zum Oktober 2010 von insgesamt 14 Morden in und um die Westside. In Joeys’ kalifornischem Slowspeak hört sich diese Tatsache beinahe harmlos an.
Surfen im Roten Dreieck „Jemand Lust auf Kaffee?“ Endlich fragt er. Bevor es weiter Richtung Norden geht halten wir bei Joeys’ Lieblings-Bäcker, Kelly’s French Bakery. Der Californian Breakfast Muffin mit Karotten und Rosinen ist ein Traum, der überdimensionale Pott Kaffee wärmt die eisigen Glieder. Weiter geht’s. Vorbei am Spot Three Mile, kurze Zeit später Four Mile – der Name gibt Aufschluss darüber, wie weit wir uns mittlerweile von Santa Cruz entfernt haben. Noch eine Flussmündung, eine zweite, dann sind wir da. Die Wellen sind gut, nur einer draußen. „Welcome to Northern California, baby!“, schreit Joey und paddelt kurz darauf bereits im bleiernen Grau. Eigenartige Wälder aus dichtem, moosgrün glitschigem Kelp wabern schwerelos unter der eiskalten Wasseroberfläche. Feiner Nebel erschwert die Sicht auf die karge Berglandschaft an Land. Da! Ein Seehund. Riesiger Kopf, größer als der von Joey. Und das? Ein zotteliges Pelztier steuert triefend nass in Rücklage durch die wartenden Surfer. „Ein Seeotter! Die leben im Kelp! Essen tonnenweise Seeigel und chillen!“ Joey fällt kaum noch auf, wie lebendig der Pazifik hier ist. Der gemeine Europäer dagegen kennt soviel Wildnis nur aus dem Discovery Channel. Vor allem das Seegras stimmt die Besucher nachdenklich. „Das sorgt für eine glatte Wasseroberfläche, auch bei Wind, und ist außerdem gut gegen Haie!“, scherzt Joey. Lautes Lachen, kraftvolles Paddeln, schneller Take-Off, fetter Air, lautes Lachen. Joey ist ganz in seinem Element.
Giganten unter sich Auf dem Rückweg, Grinsen. Trotz fortgeschrittener Unterkühlung ist die Stimmung gut. „Gute Session, Jungs! Fucking funny right?!“ Joey ist der einzige Mensch, der nach zwei Stunden Surfen in 12 Grad kaltem Wasser mehr Energie hat als vorher. Was war jetzt noch mal mit den Haien? Joey blickt über seine bullige Schulter auf die Rückbank. In seinen Augen schlummert eine ganz besondere Art von Wahnsinn. Eine moderne Version des frühen Siedler-Wahnsinns à la so-lange-ich-positiv-denke-passiert-mir-nichts-Wahnsinn. „Ach, die Haie! Hätte ich euch vielleicht sagen sollen! Waddell Creek liegt so ziemlich in der Mitte des ‚Red Triangle’! Ein Dreieck, das sich vom südlichen Ende der Monterey Bay im Süden bis San Francisco im Norden erstreckt! Eine der größten Brutstätten des Großen Weißen! Aber ich wollte nicht alleine ins Wasser gehen!“ Wieder lacht Joey schallend laut. Amerikanisches Gelächter. Four Mile, Three Mile, Santa Cruz. Am Leuchtturm schmeißt Joey uns raus: „Allright! Bis dann! Wenn ihr wollt, nehm’ ich euch die Tage mit in den Red Wood National Park! Gigantisch große Bäume, you know!“ Joey „The Head“ Hudson – kalifornisches Original und unser Santa Cruz Guide für die kommenden Tage. Wie sich herausstellen sollte, konnte Joey mit der im Red Wood National Park herrschenden majestätischen Stille ebenso wenig anfangen wie mit Bedenken bezüglich des Großen Weißen. Eine gute Stunde lang schrie er den Wald und dessen gigantische Bäume zusammen, bis selbst die Vögel genug hatten und – so schien es – aufhörten zu zwitschern. Gegen Joeys’ Organ hatten sie schlichtweg keine Chance. Immerhin wusste danach jeder: Joeys’ zweitgrößte Leidenschaft neben dem Surfen ist Baseball. Besonders im Moment, da sein Team, die San Fransisco Giants, kurz vor dem Titelgewinn in der Major League Baseball stehen: „Baseball ist der Wahnsinn! Mano-a-Mano, you know! Das liebe ich!“
Punkte, Preisgeld und Prestige Entlang der schroffen, gelbbraunen Klippen der Steamer Lane wehen in regelmäßigem Abstand stehend riesige O’Neill Fahnen im Wind. Es ist Ende Oktober. Kalt, aber immerhin sonnig. Der finale Wettkampf der fünfteiligen Cold Water Classics Serie (CWC) 2010 ist in vollem Gange. Der CWC ist der traditionsreichste Surf-Contest in Santa Cruz. Seit 1987 kämpfen an der Lane internationale Surfpros und lokale Legenden um Punkte, Preisgeld und Prestige. Wenn auch der Gesamtsieg der Serie meist internationalen Größen des Sports vorbehalten ist, die Locals der Lane sind in ihrem Vorgarten nicht zu unterschätzen. Bereits sechsmal konnte ein einheimischer Surfer den O’Neill-Event in Santa Cruz gewinnen. Zuletzt, 2008, demonstrierte der damals 17-jährige Nat Young den angereisten Profis, wie hoch das Niveau der lokalen Surfgemeinde ist und gewann. Nat Young überzeugt auch dieses Mal wieder. Als einziger Local hat es der mittlerweile 19-jährige in die Viertelfinals geschafft. Morgen ist sein nächster Auftritt. Das Contest-Gelände um die Lane ist gut besucht. Ein paar Jugendliche in weiten Jeans und Baseball Caps rasen auf ihren Beach Cruisern den engen Fußgängerweg in Richtung Stadtkern entlang. „Yo! Die Giants gewinnen die World Series! Vergiss diesen Surfcontest“, schreit uns einer von ihnen zu. In der vergangenen Nacht sind die Giants im heimischen AT&T Park in San Francisco ins Finale der World Series der Major League Baseball eingezogen. Zuschauertechnisch eine herbe Gegenveranstaltung zum diesjährigen CWC. Aber solange der Lokalmatador Nat Young noch im Rennen ist, trifft sich die gesamte Gemeinde jeden Morgen an der Lane. „Good fun!“, sei dieser Contest jedes Jahr aufs Neue, wie uns die unterschiedlichsten Fans versichern. Barbeque, Bier, Musik, Leute treffen, Abhängen – bis zum Sonnenuntergang. Danach bleibe noch genug Zeit für die Giants. Willkommen im American Way of Life.
Whose House? Jack’s House! Baseball-Finale hin oder her. Santa Cruz gehört dem Surfen. Wie es dazu kam und seit wann das so ist, erfahren wir tags darauf bei einem Ausflug an die Eastside. Der spanische Haus- und Hoffotograf von der ortsansässigen Surffirma O’Neill, Sergio Villalba, bringt uns im angemieteten SUV vom Dream Inn am Cowell Beach in das womöglich bekannteste Haus Santa Cruz’. Diesmal geht es Richtung Süden, vorbei am Santa Cruz Beach Boardwalk, dem ältesten Vergnügungspark der USA. Über den San Lorenzo River. Vorbei am Hafen. Über riesige Kreuzungen, bis ans Ende des East Cliff Drive. Hier steht es, das Haus des legendären Firmengründers Jack O’Neill. „Jack’s House“ kennt in Santa Cruz wirklich jeder. Das waldmeistergrüne, zweistöckige Holzhaus an den Klippen, das sich auf halbem Weg zwischen den Surfspots First Peak und The Hook abenteuerlich weit über den Pazifik lehnt, ist seit jeher das Zentrum der Surfszene Santa Cruz’. Schon Jack’s ältester Sohn Pat lebte während seiner High-School-Zeit am Pleasure Point zur Miete: „Ich habe sechs Jahre in diesem Haus gelebt. In dieser Zeit sind die besten Surfer Santa Cruz’ bei mir ein- und ausgegangen“, erinnert sich Pat. Dann zog sein Vater Jack in das Haus, in dem er noch heute lebt. Nun findet hier der wohl letzte öffentliche Auftritt des Mr. Wetsuit statt.
Sommer – egal wo Bald wird Jack O’Neills’ Biographie „It’s always summer on the inside“ erscheinen. Gegen elf Uhr früh wird es eng in „Jack’s House“. Das Who is Who der Surfszene hat den Weg zu einem seiner größten Wegbereiter gefunden. Unter ihnen Drew Kampion, ehemaliger Herausgeber des Surfer und des Surfing Magazine und Autor von Jacks’ Biographie. Gemeinsam stellen sie Leben und Werk des würdevoll in die Jahre gekommenen Jack O’Neill noch einmal vor. Jacks’ Lebenswerk ist eng mit dem Aufstieg Santa Cruz’ zur „legendärsten Surf-Stadt der Vereinigten Staaten“ verbunden, wie das amerikanische Surfer Magazin vor einigen Jahren titelte. 1959 verlegt Jack O’Neill seinen 1952 gegründeten Surf-Shop aus San Francisco nach Cowell Beach. Schon damals tummeln sich in Santa Cruz die meisten Surfer. Sein erstes Geld verdient Jack O’Neill mit dem Verleih selbstgebauter Balsa-Boards. „Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich ganze 80 Dollar verdiente und dachte: 80 Dollar an einem Tag! I got it made!“, lacht Jack O’Neill über 50 Jahre später in die Kameras der Journalisten. Sein größtes Verdienst jedoch ist die Erfindung des Neoprenanzugs. Sie verändert alles und begründet nicht nur die heute millionenschwere Surffirma O’Neill, sie läutet auch die Ära des Kalt-Wasser-Surfens ein.
Für Jack O’Neill ist die Pressekonferenz im eigenen Haus ein sichtlich anstrengender Termin. Mit seinem feinen, weiß-grauen Haar, dem Rauschebart und der schwarzen Augenklappe über dem linken Auge, das er unweit von hier 1972 bei einem Surfunfall verloren hat, sieht er aus wie ein gebrechlicher Pirat. Jack hat Mühe, seine Sätze zu vollenden, verliert hier und da den Faden. Zähes Husten unterbricht seine Schilderungen über die Herstellung und Weiterentwicklung seiner ersten, mittlerweile weltberühmten Neoprenweste aus ausrangierten Flugzeugsitzen. Fassungslos blickt Jack O’Neill auf die Original-Neoprenweste. Wie eine antike Büste steht sie in einer Glasvitrine aufgebahrt zu Jacks’ Rechten: „Ich hätte im Traum nicht daran geglaubt, dass dieses Unternehmen zu dem werden könnte, was es heute ist!“ Zumal Jack nur nach einer Lösung suchte, länger im eiskalten Wasser Nordkaliforniens bleiben zu können. Er wollte Surfen. Nicht zum Unternehmer werden. Am Ende hat er mit seinem persönlichen Streben nach ein bisschen Wärme im Kalten die Surfwelt revolutioniert.
Ideentempel an der 41st Street Seit einigen Jahren leitet Jacks’ Sohn Pat die Geschicke der Firma. „Das Hauptquartier O’Neills liegt heute an der 41st Street“, meint Pat nach Beendigung der Pressekonferenz. Er hat denselben verschmitzten Gesichtsausdruck wie sein Vater Jack: „Ein Besuch dort lohnt sich. Auf eurem Rückweg fahrt ihr sowieso dran vorbei.“ Dann nennt Pat noch den Namen John Hunter und meint: „John sollte man kennen gelernt haben! Wenn man so will, hat er den Wetsuit heutiger Prägung im Alleingang entwickelt.“ Wenige Minuten später stehen wir in John’s Büro an der 41st Street. Es ist in vielerlei Hinsicht das Epizentrum der Wetsuit-Welt. Seit über zwei Jahrzehnten entwickelt John Hunter hier eine Neopren-Innovation nach der nächsten. Sobald er eine Neuerung entworfen hat, lässt er eine kleine Stückzahl neuartiger Neoprenanzüge im nahegelegenen Mexiko anfertigen und bekommt die Muster keine zwei Tage später zugeschickt. Anschließend macht er sich in seinem riesengroßen Geländewagen auf seine ganz eigene Promo-Tour Richtung Baja California. Dort testen er und einige enge vertraute Surfer die Musterteile stundenlang an verborgenen Spots, wo niemand sie sehen kann. „Die Jungs, die meine Wetsuits testen, gehen dreimal am Tag ins Wasser. Die kriegen in der Regel alles kaputt, was kaputt zu kriegen ist“, erklärt John seine ‚Arbeit’. Gehen die Neuerungen nicht kaputt, werden sie für gut befunden und gehen wenig später im fernen China in Produktion. Auch der revolutionäre „Zen-Zip“ – ein kurzer, frontseitiger Reißverschluss, der weder stört noch viel wiegt, das problemlose Rein- und Rausschlüpfen in den elastischen Anzug aber dennoch gewährleistet – hat diesen Prozess durchlaufen. Heute ist er längst patentiert worden und gehört zur Standard-Ausstattung jedes modernen Wetsuits.
John’s ständige Test-Fahrten nach Mexiko sind ein altbewährtes Erfolgsmodell – vom „Chill-Killer“ (auch Child-Killer genannt) über den berühmt-berüchtigten „Mutant“ bis hin zum heute hochgelobten „Psycho Freak“ sind auf diese Weise einige der bedeutendsten Wetsuits der Surfgeschichte entstanden. Die Namensgebung ist im Übrigen Johns Sache: „Ein außerordentlich guter Neo braucht einen ganz speziellen Namen, den man nicht so leicht vergisst!“, versichert John. Kurz darauf präsentiert er einige der neuesten Modelle und redet sich einmal mehr ins Nirvana. Begeistert, begeisternd, besessen. John ist mit jeder Faser seines Körpers Visionär. Auch ihm ist der Erfolg, den O’Neill seit den 60er-Jahren im Neopren-Sektor hat, zu verdanken. Vom großen Kreativ-Raum geht es über einen langen Gang an liebevoll gerahmten historischen Aufnahmen der ersten Teamrider und Neos, immer weiter in Richtung Licht und Ausgang. „Ach ja, eins noch!“, meint John zum Abschied: „Wenn ihr zu viel von dem preisgebt, was ich euch gerade erzählt habe, muss ich euch beseitigen lassen!“ Er lacht, dreht sich um, winkt kurz und verschwindet. Die schwere Tür fällt knallend hinter ihm ins passwortgeschützte Schloss. Unscheinbarer kann eine millionenschwere Denkfabrik von außen nicht aussehen. Ein mausgrauer Ideentempel, in dem ein überdrehtes Genie die Zukunft entwirft – still und heimlich, als täte John das alles nur für sich.
„Ratboy“ und die Geburt des Aerial-Surfing Zurück am Event-Gelände treffen wir eine weitere lebende Legende: Jason „Ratboy“ Collins. „Born and proudly raised in Santa Cruz“, wie er es formuliert. Lässig steht Ratboy über das Eisengeländer gebeugt, das entlang der gesamten Steamer Lane verläuft. Man sieht, dass er von hier kommt. Was man nicht sieht, ist, dass er das Surfen vor gut 15 Jahren nachhaltig verändert hat. Klobige Skateschuhe, kurze Hose, olivegrüner Hoodie, große, schwarze Sonnenbrille. Er lacht seltener als sein Kumpel Joey „The Head“ Hudson, wirkt ernster. Im Moment hält er Nat Young die Daumen. In wenigen Minuten beginnt der Halbfinal-Lauf des lokalen Hoffnungsträgers Young. Von hier oben aus kann man die Surfer beim Spiel mit der Lane beobachten wie Gladiatoren im Amphitheater im antiken Rom. Eine einmalige Kulisse. Einige Fragen? Jetzt? „Klar, kein Problem, worum geht’s denn?“ Ratboy verzieht keine Miene. Seine monotone, hohe Stimme bricht mit seinem augenscheinlichen Bad-Boy-Image. Sein schmales Gesicht erinnert entfernt an das einer Spitzmaus. „Ich bin doch keine Legende! Da gibt es ganz andere in Santa Cruz.“ Zugegeben, die gibt es. Im Zusammenhang mit der Evolution des Aerial Surfing jedoch gehört Ratboy zweifelsfrei zu den schillerndsten Figuren der Stadt. Auch wenn Ratboy auf andere verweist, sein gestandener Air ist es, mit dem die Aerial-Revolution 1994 ihren Anfang nimmt. Während einer Expression-Session im Rahmen des Billabong Pro gelingt Ratboy damals vor einer Hundertschaft, was er zuvor nur im Verborgenen oder mit Freunden geübt hatte. Auf einer Linken des Mittel-Peaks der Steamer Lane steht Ratboy einen Rückhand Aerial mit 360° Drehung. Wenige Tage später erscheint Ratboys’ Kunststück auf dem Cover des Surfer Magazins. „Auf dem Cover fragten sie in großen Lettern: Did he make it?“, erinnert sich Ratboy dann doch. Das Innere des Klappcovers lieferte die Antwort in Form einer Sequenz des Sprungs. Über Nacht avanciert Santa Cruz zur Nummer eins unter den amerikanischen Surfstädten – und Ratboy zum Vorreiter einer wiederum neuen Ära, die bis heute anhält.
Von Steamer Lane bis Mavericks Bei allem Tamtam um seine Person: Ratboy besteht darauf, dass weit vor ihm Jungs wie Kevin Reed, Richard Schmidt und Vince Collier die ersten Surfer Santa Cruz’ gewesen seien, die sich, vom Skateboarden inspiriert, am Aerial-Surfing versuchten. „Flea, Barney und ich kamen erst danach“, sagt Ratboy und meint seine langen Weggefährten Darryl „Flea“ Virotsko und Shawn „Barney“ Barron. „Barney war damals mit Abstand der Innovativste und Beste, was Airs anging“, bekräftigt Ratboy und blickt hinaus in Richtung Main Peak der Lane. Dann endlich plaudert er aus dem Nähkästchen. Erzählt von damals und wie sich die Lane seit den frühen Tagen doch verändert habe: „Wer damals in der Westside geachtet werden wollte, der musste sich beweisen – im Viertel, aber vor allem im Surf. Diejenigen, die es immer wieder schafften, sich im Wasser zu beweisen, durften irgendwann von der Inside auf den Main Peak der Lane, um dort ihr Glück zu versuchen.“ Wem das Gehassle am Peak zu viel wurde, so Ratboy, und wer lebensmüde genug war für ein wenig mehr Bewegungsfreiheit sein Leben aufs Spiel zu setzen, der zog etwas weiter nördlich gegen die unheimliche Welle von Mavericks zu Felde. Während Ratboy aufgrund seiner Aerials am Spot Steamer Lane über die Stadtgrenzen hinaus bekannt wurde, kämpften Flea und Barney ihre ruhmreichsten Schlachten in der Half Moon Bay. „Dabei hat Flea sich mit einigen Monster-Rides in Mavericks das größte Denkmal von allen gesetzt“, urteilt Ratboy kopfschüttelnd. Es sind Geschichten wie im wilden Westen, die Ratboy ganz nebenbei von seiner Heimatstadt erzählt. Egal ob gegen bewaffnete Gangster im Viertel oder meterhohe Wasserberge in Mavericks – der Kampf scheint ein stetig wiederkehrendes Moment im Surferleben eines gebürtigen Westsiders zu sein. Gilt das auch für die junge Generation? „Nein, nein“, versichert der Aerial-König Ratboy, diese Zeiten seien längst vorbei. Mittlerweile sei es ruhiger geworden. Im Viertel und im Line-Up. „Heute geht es eigentlich nur noch darum, wer den fetteren Air springt.“
Nat Young – King of the Lane Als das Horn ertönt, ist auch der letzte Local ausgeschieden. Trotz einer guten Performance hat es für den 19-jährigen Nat Young nicht für das Finale gereicht. Am Ende gewann Nats‘ Bezwinger, der 22-jährige Australier Matt Wilkinson, den Contest. „Kein Problem!“, versichert Nat kurze Zeit später im Interview: „Ich hätte gerne gewonnen, aber ein dritter Platz und ein kleines Taschengeld sind auch nicht übel.“ Der Jungstar hat gut lachen. Dabei funkelt seine feste Zahnspange im schwächer werdenden Sonnenlicht. Nat ist das vielversprechendste Talent der Stadt und schon jetzt weltberühmt – ganz ohne die Surfwelt durch neue Kunststücke grundlegend zu verändern oder die Todeswellen von Mavericks regelmäßig zu bezwingen. Nat Young muss weder Ratboy noch Flea überflügeln. Im Surfsport heutiger Prägung reicht es ein sehr guter, junger Wettkampfsurfer zu sein um von der stadteigenen Zeitung als „King of the Lane“ betitelt zu werden. Statt von kürzlich vollbrachten Heldentaten zu berichten, lobt Nat Santa Cruz’ hervorragendes mexikanisches Essen, „das womöglich das beste auf der Welt ist“. Er schwärmt von den tollen Skateparks der Stadt und der wilden Natur, „die dir überall auflauert.“ Die Zeiten haben sich geändert – sogar im wilden Surf-Westen Santa Cruz’. Eines jedoch sei gleich geblieben, hält Nat dagegen. „Wenn man, wie ich, hier aufgewachsen ist und sich einen Namen gemacht hat, fragen einen nicht nur Journalisten, ob man schon mal in Mavericks drin war. Da muss man sich zumindest einmal bewiesen haben“, so Nat. Bisher habe er Mavericks nur von einem Boot im Channel aus betrachtet. „Demnächst werde ich sicher selbst im Line-Up sitzen“, versichert Nat. Und die Haie, die sich zusätzlich zur Ehrfurcht gebietenden Welle in der Half Moon Bay tummeln? „Nun ja, ich habe schon mal einen Hai gesehen, in Waddell Creek – das war natürlich scary! Aber weißt du, es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass ein Blitz zweimal an derselben Stelle einschlägt!“
„Anything goes!“ Genau diese Unbedarftheit ist es, diese positive Naivität, gepaart mit dem festen Glauben daran, dass man alles schaffen kann, solange man nur die richtige Einstellung mitbringt, die den europäischen Besucher während der gut zweistündigen Fahrt zum internationalen Flughafen von San Francisco am meisten beschäftigt. Zu Beginn hat Joey in Waddell Creek vorgemacht, wie hervorragend diese uramerikanische Art im Umgang mit Gefahren funktioniert. Zum Abschluss versichert der Jungstar der Lane, Nat Young, dass es auch inmitten der Heimat des Hard-Core keinen Grund zur Besorgnis gibt: Auch im immer noch wilden Westen schlägt kein Blitz zweimal an derselben Stelle ein. Kein Grund zur Aufregung also. Besser man macht aus der Not eine Tugend und wird – im Kampf mit den Naturgewalten – zur lokalen Legende. Egal ob Wetsuit-Erfinder, Mavericks-Titan, Aerial-König oder King of the Lane – „Anything goes!“ In Santa Cruz ist dieser optimistische Siedler-Spirit so lebendig, wie er nur sein kann. Aber woher kommt er? Kann man lernen so zu sein, oder verhält es sich mit dieser ‚Fähigkeit’ wie mit surferischem Talent, das man hat, oder eben nicht? Im Santa Cruz Sentinel jedenfalls steht die Antwort an diesem sonnigen Sonntagmorgen nicht. Stattdessen begleiten uns Zeitungs-Meldungen wie die folgenden zum Flughafen und bis nach Hause ins vergleichsweise domestizierte Europa: „Pot use suspected in crash that kills 2 on Highway 1“. „Teen arrested in clerk’s slaying in Watsonville“. „Shark attack kills 19-year-old student off California beach“. Auf dem langen Luftweg zurück in Richtung Europa bleibt Zeit das Erlebte zu verarbeiten. Dabei bleibt besonders ein Gedanke haften: Das „Westward, Ho“, die unermüdliche Suche nach neuen Ufern im Westen Amerikas, hat in Santa Cruz nie aufgehört. Jenseits der Landmassen geht sie bis heute weiter. Das neue gelobte Land ist flüssig – weniger gefährlich ist es nicht geworden. Die neue Generation ist nur besser darauf vorbereitet.










