Womöglich ist Sam Lamiroy einer der intelligentesten Söhne des modernen Surfsports. Sicher ist er ein interessanter Gesprächspartner: Wo andere sich mit Wellen und nur Wellen beschäftigen, schnappt Sam sich auch mal Stephen Hawkings neuestes Buch Der große Entwurf und befasst sich mit der Beschaffenheit des Universums. Weil das so ist und Sam nicht nur unverschämt gut surfen, sondern ebenso gut reden kann, er als ehemalige WQS-Größe die Welt der Wellen mit eigenen Augen gesehen und als studierter Ozeanologe teilweise sogar verstanden hat und er obendrein seine Erlebnisse auf weltmännische Weise zu reflektieren weiß, trinken wir gerne ein Bier mit Sam und sprechen mit ihm über all die kleinen Universen, die wir von Zeit zu Zeit bewohnen.

In dieser ersten Ausgabe unserer insgesamt fünfteiligen Gesprächsreihe Auf ein Bier mit Sam Lamiroy klären wir die Frage: Wer zur Hölle ist Sam Lamiroy und warum?

Wo Metzger Bretter bauen und Teenager sich im Meer verlieren

Aufgewachsen im Land des Fußballs, das erste Brett vom Metzger und doch dem Surfen treu geblieben – Sam Lamiroy hat nichts mit dem 0815-Profi-Surfer heutiger Prägung gemein und ist doch einer von ihnen. Grund genug ein Bier mit ihm zu trinken.

TIDE: Sam, du wurdest in Belgien geboren, bist mit zwei Jahren nach Deutschland gezogen und anschließend im Alter von zehn Jahren nach England umgezogen. Was ist deine lebendigste Erinnerung an diese bewegten Jahre?

Sam: (reibt sich die Hände bevor er auf deutsch antwortet) Nach den zwei Jahren in Belgien haben sich meine Eltern voneinander getrennt. Meine Mutter hat sich recht bald wieder verheiratet – mit einem Deutschen. Also sind meine Mutter und ich nach Deutschland gezogen. Ein paar Sachen an die ich mich aus meiner Zeit in Deutschland noch erinnere sind: Pierre Litbarski (lacht), ein bisschen Skateboarden, die Schule und ganz viele Hausaufgaben. Mit zehn ging es dann auch schon weiter nach England, nach Newcastle.

Und dort angekommen hast du mit dem Surfen begonnen?

Ganz genau. Mein leiblicher Vater war schon damals ein ziemlich guter Windsurfer und hat viel Fußball gespielt. Meine ganze Familie war unheimlich sportlich. Wenn du in so einem Milieu aufwächst und du bist plötzlich am Strand, dann wirst du am Ende irgendeine Wassersportart anfangen. Für mich war das damals das Wellenreiten.

Die Frage war also einzig und allein welche Sportart du betreiben würdest nicht ob?

So in der Art. Meine Mutter meint heute noch ich sei ein ungeheuerlich aktives Kind gewesen.

Hyperaktiv?

Na, ich weiß nicht. Mir gefällt der Ausdruck aktiv besser. Ich war ein lebendiger Bursche. Also habe ich mir einen Sport ausgesucht der mir gefallen hat. Mit dem Windsurfen habe ich es anfangs versucht, aber ich war einfach zu klein. Das Segel war zu schwer also habe ich schnell das Interesse daran verloren. Dann habe ich das Wellenreiten entdeckt.

„Mein erstes Brett war vierter Hand. Von einem Metzger!“

Kannst du dich an dein erstes Brett erinnern?

Mein erstes Brett war vierter Hand. Von einem Metzger! (lacht) Der stand tagsüber in seiner Metzgerei und hat abends dann und wann Bretter gebaut. Das Brett, das ich von ihm gekauft habe war ziemlich kurz, so um die 5‘5“, ganz breit und richtig dick und kurz. Wenn ich mein erstes Brett heute mit den Boards von Dane Reynolds vergleiche, mit diesen „dumpster divers“, dann muss ich sagen, war ich schon damals ganz weit vorn. Ganz und gar ungeplant, aber darauf habe ich schnell viel gelernt. Noch dazu hat der Metzger, schon damals während der Twin-Fin-Ära eine dritte Finne an mein Brett gebaut. Ich war also einer der ersten Kids mit Thruster. Ein geniales Brett, das mich Unmengen gekostet hat – um die 20 Pfund. Das waren fast 60 Deutsche Mark!

Na dann: Cheers.

Cheers.(nimmt einen großen englischen Schluck Bier) Ich hatte sogar einen maßgeschneiderten Anzug! Von einem weiteren lokalen Surfer, der seine eigenen Anzüge schneiderte – C-Dogs. Mittlerweile hat dieser Typ Millionen mit einer Firma verdient, die nach dem Pyramiden-Verkaufsschema funktioniert (pyramid scheme). Anyway: Was er nicht mit seinen Anzügen verdient hat, hat er mit dieser Firma verdient.

Nachdem du all deine Ausrüstung zusammen hattest, wie ging es weiter mit deiner jungen Karriere?

Ich habe recht bald angefangen an lokalen Wettkämpfen mitzufahren. Dann einige nationale mitgemacht und als ich anfing diese auch noch zu gewinnen, ging alles hopplahopp – und ehe man es weiß, ist man mittendrin.

Als Profi-Surfer muss man sich ja entscheiden, welches Land man repräsentieren will – bist du nun Flämisch, Deutsch oder Englisch?

Ganz schwer zu sagen. Mein Blut ist aus Belgien: Ich bin dort geboren, dort kommt meine Mutter her. Vielleicht habe ich sogar ein paar deutsche Züge? Mein Stiefvater zum Beispiel ist Deutscher und meine Schwestern auch – zur Hälfte. Außerdem mag ich Deutschland und die Deutschen sehr gerne. Und in England … Meine erste Reaktion ist meistens Englisch, genau wie viele meiner alltäglichen Umgangsformen. (denk lange nach) Alles in allem bin ich eine richtige Promenadenmischung.

„Ein Teil aus Belgien, ein Teil aus Deutschland und dann kam England dazu und hat diese Mischung veredelt: Alles in allem bin ich eine richtige Promenadenmischung.“

Eine Promenadenmischung.

Ja. Du musst dir vorstellen: Ich lebe in England seit ich zehn bin. Ich habe dort studiert, meine Frau ist Engländerin, wir wohnen in England und ich fühle mich dort zuhause. Dennoch bin ich in Belgien geboren und in Deutschland aufgewachsen. Nun beherrsche ich fließend Flämisch, Deutsch und Englisch und trotzdem merken die Leute in Belgien oder Deutschland – irgendwas stimmt mit diesem Typen nicht. Mein Akzent entlarvt mich stets als einen Fremden – egal wohin ich gehe.

Um ehrlich zu sein: Mit dem Vorwissen, dass du unter anderem in Deutschland sozialisiert wurdest, hört man selbst in deinem Englisch einen leicht deutschen Akzent…

Könnte ganz gut sein. Immerhin habe ich meine prägendsten Jahre in Deutschland verbracht – man sagt ja immer die ersten zehn Jahre seien die prägendsten. Ich bin das beste Beispiel dafür: Bis zum heutigen Tag kann ich das Alphabet nicht fehlerfrei auf Englisch aufsagen, während ich es auf Deutsch im Schlaf kann! Und das zeigt ja ganz deutlich: Obendrauf bin ich ganz klar Engländer aber darunter gibt es noch ganz viele andere Schichten, die teilweise richtig deutsch sind. Ich finde interessant, dass du das bemerkt hast. Da ist sicher etwas dran.

Welche Rolle spielen deine beiden Vaterfiguren für deine Sozialisation?

Beide sind in meinem Leben nach wie vor enorm wichtige Figuren, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Plus- und Minuspol! Die sind so grundverschieden, es ist unglaublich.

Inwiefern?

Mein deutscher Stiefvater hat ein goldenes Herz, ist sehr intelligent und emphatisch. Ein sehr leidenschaftlicher Mensch. Architekt von Beruf und einfach ein „beautiful human“. Ein richtig guter Mensch. Mein biologischer Vater auf der anderen Seite war schon immer der lebenssüchtige Draufgänger. Er brachte Schwung auf jede Party, hatte immer neue Freundinnen und genoss das Leben in vollen Zügen. Nicht, dass er weniger intelligent wäre als mein Stiefvater – im Gegenteil. Er ist Arzt. Aber er war das sportliche Alpha-Männchen. Ein Mann für Männer. Und diese zwei Seiten sind derart weit auseinander, dass ich überrascht bin, was aus ihnen geworden ist (lacht). Ich finde sie haben sich super ergänzt (lacht). Ein Teil aus Belgien, ein Teil aus Deutschland und dann kam England dazu und hat diese Mischung veredelt (lacht).

„Als sich viele meiner Freunde bei Mädels, in Spielhöllen oder Drogen verloren haben, habe ich mich im Meer verloren.“

Zu welchen Prozentsätzen auch immer du nun dies oder das mehr oder weniger sein magst – am Ende bist du zum Surfen gekommen. Welche Veränderungen hat das Surfen in deinen Anfangsjahren mit sich gebracht?

(Atmet tief durch um dann ein wenig auszuholen) Ich habe mit dem Surfen einfach mal angefangen. Mit zwölf, vielleicht dreizehn. Weil es Spaß gemacht hat. Daneben habe ich wie alle anderen Kinder in meinem Alter für die Schulmannschaft Fussball gespielt, solche Sachen. Und an diesem Punkt im Leben, wenn junge Kids anfangen ihre ersten Zigaretten zu rauchen und andere anfangen Mädels nachzujagen, wieder andere geraten auf die schiefe Bahn, stehlen Autos oder versumpfen in Spielhöllen, an diesem Punkt in meinem Leben war da plötzlich Surfen. Und wenn du fragst, was Surfen in diesen Jahren für mich getan hat? Ich hatte immer etwas „anderes“ zu tun. Wo sich viele meiner Freunde bei Mädels, in Spielhöllen oder Drogen verloren haben, habe ich mich im Meer verloren.

Kein schlechter Ort für ein Kind um verloren zu gehen.

Ich fand das so toll! Da hast du eine ganz gesunde, hin und wieder gefährliche, immer spannende Erfahrung. Ich denke das hat mich damals sicher gerettet. Nicht, dass es für mich einen hellen und einen dunklen Weg gegeben hätte aber Surfen war etwas, dass mir schon früh in meinem Leben eine Richtung gegeben hat, von der ich schon damals dachte, dass ich sie beibehalten könnte. It gave me direction.

Ist das vielleicht der eine große Segen, der im Surfen steckt – vor allem jungen Kids bereits Perspektive zu geben, sowohl räumlich als auch zeitlich?

Yes! Zumindest auf die Liebhaber hat Surfen diesen Effekt. Es gibt ihnen … Lebenssinn wäre zu stark, aber eine Richtung und Perspektive im Leben. Dass man also schon früh für sich entscheidet: Ok, Surfen soll Teil meines Lebens sein und bleiben und man anschließend sein Leben darum herum aufbaut.

„Taj Burrow hatte mich so gearde im Heat geschlagen und ich war Fünftplatzierter aller weltweiten Junioren unter 21. Stell dir das heute einmal vor!“

Du hast es ähnlich gemacht, bist sogar Pro-Surfer geworden. Wie genau ist es dazu gekommen?

Es war nie eine bewusste Entscheidung Profi-Surfer zu werden. Ich wollte einfach nur surfen. Immer. Am liebsten mit meinen Freunden. Irgendwann haben sich dann einige von uns des öfteren zu Wettkämpfen angemeldet, von denen ich ein oder zwei gewonnen habe. Und dann kam der Punkt, an dem ich mich mit circa 18 auf den World Junior Games wiederfand. Damals gab es zwei Austragungsorte für diesen Wettkampf: Einmal Narrabean in Australien und Capbreton in Frankreich. Und urplötzlich war ich Fünfter! Taj Burrow hatte mich so gearde im Heat geschlagen und ich war Fünftplatzierter aller weltweiten Junioren unter 21. Stell dir das heute einmal vor! Was das bedeutet? Das war schon was.

Und das hat sich so „ergeben“?

Ja (lacht). Ich war damals ziemlich locker drauf. Hab mir nach den Heats mit meinen Jungs aus Newcastle einige Biere am Strand gegönnt und nichts Böses gedacht. sogar Zigaretten haben wir geraucht.

Wenn man sich vorstellt, was Jugendliche heute dafür investieren müssen um dorthin zu kommen wo du dich „plötzlich wiedergefunden“ hast, eine ziemliche Frechheit.

Ja! Unglaublich. Und genau an dem Punkt stand für mich dann eine Entscheidung an: Entweder du gehst zur Uni, oder du wirst Profi-Surfer.