Unwirkliche Wirklichkeit auf den Färöer Inseln – Island war unfreundlich. Das Wetter war schlecht, der Surf war flat und das Benzin kostete sieben Euro die Gallone, was umso bitterer war, bedenkt man, dass ich mehrere Tage am Stück mehrmals um die Insel gefahren bin, um überall auf Onshore-Wind zu treffen. Dazu bekam ich platte Reifen, hatte schlimme Kater, wurde krank und ging immer wieder verloren – um es gelinde auszudrücken: Das Glück war nicht auf meiner Seite in diesem Land aus Feuer und Eis.
Rettung kam in Form eines Atlantic Airways Freifahrtscheins von Reykjavík nach Vágar, dem internationalen Drehkreuz der Färöer Inseln – ein interessantes, kleines, vom Wind gepeitschtes Land auf halber Strecke zwischen Island und Norwegen. Die Färöer Inseln waren einer dieser obskuren Orte, die ich schon immer einmal besuchen wollte; der Gratis-Ein-Stunden-Flug von Island aus war da mehr als ein Segen. Es war Mitte April, also dachte ich, würde der ein oder andere Nordatlantik-Swell noch durchkommen, um an einem Ort Wellen zu reiten, von dem die Surf-Welt kaum etwas wusste.
„Sie fliegen auf die Färöer Inseln?“, fragte eine isländische Brünette am Flughafen von Reykjavík mit weit aufgerissenen Augen. „Nun, da habe ich eine Geschichte für sie parat: Vor zwei Jahren haben mein Mann und ich die Fähre dorthin genommen. In unserer ersten Nacht auf den Färöer Inseln gingen wir aus um zu tanzen und mein Mann lernte eine Frau kennen, mit der er schon am nächsten Tag Sex hatte – fünf mal! Also habe ich ihm gesagt, er könne auf den verf****** Färöer Inseln verrotten!“ Die Brünette gestikulierte wild mit den Händen in der Luft: „Arschloch!“ „Hast du ihn verlassen?“ fragte ich. „Na klar! Die Sau lebt da mittlerweile. Aber ich hab einen neuen Mann, von den Shetland-Inseln und der f**** nur mich!“
Als wir in Vágar landeten fiel Schnee, was auf den Färöer Inseln äußerst ungewöhnlich ist. Als einer der niederschlagreichsten Orte der Welt, ist es auf den Färöer Inseln selten kälter als null Grad. Der Golfstrom schlängelt sich gekonnt durch die 18 Färöer Inseln und sorgt das ganze Jahr über für relativ milde Luft (8 °C). In einem Land, in dem es 280 Tage im Jahr regnet, ist Schnee das reinste Vergnügen. „Sie haben Glück“, meinte die Stewardess zu mir und schielte aus dem Flugzeugfenster während wir auf der Rollbahn aufsetzten. „Hier ist es nie kalt.“ „Nach Island kann ich ein wenig Glück gut gebrauchen“, dachte ich laut.
Offshore-Brisen riechen für gewöhnlich nach Schafscheiße, sind aber – wie sollte es anders sein – selten.
Glück braucht man sowieso, will man auf den Färöer Inseln surfbare Wellen finden. Selbstsicher inmitten des stürmischen Nordatlantik gelegen und daher Unmengen an Swell ausgesetzt, sind die Färöer Inseln konstanter Spots leider so gut wie gänzlich beraubt. Die Küste ist größtenteils steil und unzugänglich, die surfbaren Strände sind rar. Die vielversprechendsten liegen an der Süd- und Ostküste der Insel, die wiederum von den vorwiegend aus Westen anrollenden Dünungen abgeschirmt sind. Ost-Swells sind selten und oft begleitet von auflandigem Wind. Offshore-Brisen riechen für gewöhnlich nach Schafscheiße, sind aber – wie sollte es anders sein – selten.
Die Färöer Inseln sind die Inseln der Schafe – Føroyar. So nannten die Norweger die Inselgruppe schließlich auch, als sie im 9. Jahrhundert hier landeten und abertausende Schafe antrafen. Die wiederum hatten irische Mönche bereits im 6. Jahrhundert auf die Inseln gebracht, als sie auf der Suche nach einem noch unbewohnten, bekenntnisfreien Garten Eden von Schottland kommend auf den heutigen Färöer Inseln landeten. Wenn auch niemand weiß, was genau die Mönche in dieser Zeit auf den Inseln taten, sicher ist: Sie waren die ersten Menschen auf den Färöern. Was genau vor dem 14. Jahrhundert geschichtlich auf den Färöer Inseln geschah, bleibt indes bis zum heutigen Tag ein Mysterium.
Geheimnis und geheimnisvoll sind passende Begriffe für einen Ort, der seine Abgeschiedenheit zelebriert, um sich selbst vor dem Rest der Welt zu bewahren: ein grüner, baumloser Archipel aus steinigen, von Wasserfällen übersäten Inseln, fernab des 21. Jahrhunderts, wie es im übrigen Skandinavien Einzug hielt. Tórshavn, die Hauptstadt der Färöer Inseln auf der Insel Streymont, („Insel der Strömungen“) beherbergt gut 40 Prozent der insgesamt 48.000 Einwohner des Landes und ist damit die kleinste Hauptstadt Europas. Die restlichen 60 Prozent verteilen sich in winzigen, fast mittelalterlich wirkenden Grasdach-Siedlungen scheinbar wahllos auf die einzelnen Inseln. Einige Örtchen erscheinen derart alt und verwittert, dass man glauben könnte, sie würden seit hunderten von Jahren jedweder Modernisierung zum Trotz einzig dem Geist der Abschottung frönen.
Ein grüner, baumloser Archipel, aus steinigen, von Wasserfällen übersäten Inseln, fernab des 21. Jahrhunderts, wie es im übrigen Skandinavien Einzug hielt.
Gunnar, der freundliche blondhaarige Manager meines Tórshavner Hostels, lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl zurück und sah genüsslich dem morgendlichen Regen zu, wie er beständig gegen die doppelt verglasten Fenster seines Büros prasselte. „Hier kriegst du alle vier Jahreszeiten in einer Stunde“, gluckste Gunnar. Der Wind kreischte. Schwarze Wolken wölbten sich über den Ort. Keine zwanzig Minuten zuvor schien das Schneegestöber kein Ende nehmen zu wollen. Vierzig Minuten davor präsentierte sich der Himmel noch in strahlendem Blau. „Jetzt wird’s wärmer“, meinte Gunnar. „Es wird sicher ein schöner Tag!“ „Ich dachte, ich mache eine kleine Rundfahrt mit dem Auto“, schlug ich vor. „Damit sollten sie warten, bis der Regen aufgehört hat. Hier, trinken sie lieber eine Tasse Kaffee mit mir.“
Kurz darauf führte er mich in die kleine, unaufgeräumte Küche seines Hostels, wo er mir stolz seine neue Hightech-Espresso-Maschine aus Frankreich präsentierte. „Dies ist die Zukunft des Espresso!“, verkündete er. „Ich werde diese Maschinen bald im großen Stil verkaufen. Die Leute hier werden mir dafür dankbar sein!“ Es war neun Monate her, dass ich das letzte Mal Koffein zu mir genommen hatte, aber irgendetwas, vielleicht war es das Färöer Wetter, brachte mich dazu, gleich mehrere Espressi zu kippen, während ich mit Gunnar plauderte.
„Die Färöer Tourismusbranche beginnt sich so gerade zu verändern“, meinte Gunnar. „Da war so ein Bericht im National Geographic …“. Gunnar spielte auf die November/Dezember Ausgabe des National Geographic Traveler von 2007 an, in dessen „Ranking über die Inseln der Welt“ die Färöer Inseln als erste von insgesamt 111 genannten Inseln geführt wurden. Das Urteil des Magazins damals: „Weltentrückt und cool und aus diesem Grund vor touristischer Übervölkerung geschützt, (…) erhält die autonome Inselgruppe von unseren Autoren beste Noten in Bezug auf Naturschutz, historische Architektur und Nationalbewusstsein. (…) Liebenswerte, unberührte Inseln – eine Wonne für jeden Reisenden.“ Sollte es so etwas wie einen Vorboten zur Ankurbelung der Färöer Tourismusbranche geben, war dieser Bericht genau das. „Millionen Menschen weltweit haben diesen Artikel gelesen“, so Gunnar reumütig, „die meisten von ihnen gieren nach einem noch unentdeckten Ort wie diesem.“
„Warum sollten Touristen hierher kommen anstatt nach Island oder Schweden zu reisen?“ wollte ich wissen. „Natürlich, weil wir viel weiter ab vom Schuss liegen. Die Leute glauben, wir leben in Höhlen. Das ist spannend. Dann kommen sie hierher und bemerken, dass unsere Gesellschaft durchaus modern ist. Kulturell ist sie womöglich sogar originaler, falls man das behaupten darf. Wir haben viele alte Rituale in die Neuzeit gerettet, die anderswo mit Einführung des Christentums für immer verloren gegangen sind. Wir haben den alten chain-formation-Tanz und den grindadrap, unser traditionelles whale-killing-Ritual; unser Nationalsport ist das Rudern mit traditionellen Booten, die aussehen wie alte Wikingerschiffe – wir haben all diese Dinge. Außerdem sind wir kleiner als Island oder Schweden und auch sonst völlig unterschiedlich.“
„Altmodischer!“, fasste ich Gunnars Ausführungen zusammen. „Ja, wahrscheinlich ist der Tourismus sogar die einzige Art und Weise, wie viele Färöer überhaupt merken, dass sie nicht in einer – wie sagt man – Blase leben. Viele denken, ihr Dorf stehe für die perfekte Gesellschaft. Einige agieren Touristen gegenüber sogar sehr ablehnend – sie sind nicht wirklich feindselig, aber oft der Meinung, alles außerhalb ihres Ortes sei völliger Müll, verstehst du? Wir machen uns einen Scherz daraus, diese Leute als äußerst heimatverbunden zu betiteln, sehr der Heimat verbunden. Alles, was aus ihrem eigenen Dorf kommt ist sagenhaft, während Tórshavn die Hauptstadt der Sünde ist.“ „Aber ihr Färöer seid schon sehr auf den Erhalt eurer eigenen Kultur bedacht, richtig? Das allein sollte doch genügen, exzessiven Tourismus zu unterbinden und die Dinge maßvoll zu halten“, spekulierte ich. „Das ist zumindest die Idee“, so Gunnar bestimmt. 60 Jahre lang waren die Färöer Inseln, ähnlich wie Grönland, ein sich selbst regierendes Anhängsel Dänemarks, mit dem Unterschied, dass die Färöer sowohl die Europäische Union, als auch die dänische Sprache, sowie die generelle Geschäftigkeit Kopenhagens seit jeher zu vermeiden wussten.
„Wir sprechen unsere eigene Sprache, haben unser eigenes Parlament und unsere eigene Flagge. Diese Dinge werden uns die Dänen niemals nehmen können.“
„Dänemark ist Dänemark – wir sind Färöer!“, so beschrieb mir ein kettenrauchender Mann namens Fridtjof die Situation in einem Pub in Klaksvík. Er trug einen dichten weißen Bart und sah auch sonst aus wie der Weihnachtsmann. „Wir sprechen unsere eigene Sprache, haben unser eigenes Parlament und unsere eigene Flagge. Diese Dinge werden uns die Dänen niemals nehmen können.“ Er holte seine Geldbörse aus der Jackentasche und knallte einige Färöer Münzen auf die Bar. „Guck! Wir haben sogar unser eigenes Geld.“ „Was, wenn Dänemark plötzlich aufhört, euch finanziell zu unterstützen?“ „Das ist unmöglich. Alles, was wir exportieren können, ist Wolle und Fisch.“ „Ihr solltet anfangen dieses Bier hier zu exportieren“, schlug ich vor während ich an meiner fünften Flasche Klaksvík Green Islands Stout nippte. „Das ist ziemlich gut und macht definitiv betrunken.“
„Das Bier stammt von den Wikingern. Die Leute trinken hier eine Menge davon“, tönte Fridtjof stolz. „In Dänemark trinken sie sogar zweimal so viel wie im Rest der Welt. Die halten sicher den Weltrekord. Da kannst du eine ganze Menge Alkohol trinken, ohne in Schwierigkeiten zu geraten.“
Am darauf folgenden Nachmittag leerte ich zahlreiche Flaschen eines weiteren in der Gegend gebrauten Bieres (Föroya Bjór Pilsnar) mit David, einem langen, dünnen, bleichen Mann, der erst kürzlich zum ersten einheimischen Färöer Surfer geworden war. Der Besuch eines amerikanischen und eines französischen Pro Surfers, hatte ihn vor drei Jahren dazu inspiriert, selbst mit dem Surfen anzufangen. Kurz zuvor hatten wir uns ganz zufällig auf einer mit Gras bewachsenen Klippe beim Spotcheck an der Küste Sundoys – so der Name der relativ flachen „Insel des Sandes“, die mit Abstand das größte Surfpotential hat – getroffen. Ich war gerade dabei Schafe zu fotografieren, während er die Augen nach etwas offen hielt, das er mit seinem 7’3’’ SurfTech Egg abreiten konnte, welches er sich soeben für 1000 US Dollar in Norwegen gekauft hatte. (Kommentar: „Ich glaube, die haben mich übers Ohr gehauen.“) Der Swell war gut, der Wind passte und trotzdem waren die Wellen positiv gesagt komisch bis mau – ruiniert durch den scheinbar schartigen Untergrund und ein abscheuliches vorgelagertes Labyrinth aus Steinformationen.
David machte einen extrem intelligenten Eindruck. Er war ausgesprochen freundlich und lobte seine geliebten Färöer Inseln immerzu und mit kraftvoller Stimme in den siebten Surfer-Himmel, obwohl die Färöer Inseln nicht im Entferntesten mit weltklasse Breaks á la Raglan oder Jeffreys Bay ausgestattet sind – geschweige irgendeinem passablen Beachbreak. „Diese Amerikaner surften hier oben“, meinte David und deutete mit seinem Finger in Richtung Norden, wo ein ungehobelter A-Frame über einer beinahe freiliegenden Bank aus Felsbrocken und Seegras explodierte. „Sie meinten, der Break sei ok.“
Geboren in Tórshavn, verbrachte David als kleines Kind ein Jahr in Dänemark, bevor er nach Tórshavn zurückkehrte, wo er bis zu seinem 16. Lebensjahr wohnte. Er machte sein Abitur schließlich in Dänemark und begann kurz darauf, durch Skandinavien zu reisen. Lange Zeit suchte er einen Job als Feinmechaniker und fand ihn schließlich im Süden Dänemarks. Dort forschte und entwickelte er solange auf seinem Fachgebiet, bis er der Sache überdrüssig wurde und einmal mehr nach Tórshavn zurückkehrte. Seit einigen Jahren betreibt er nunmehr zusammen mit seinen Eltern das erste Aquarium der Färöer Inseln. „Wir sind eine Fischernation“, stellte David zwischen zwei Schlücken Bier fest, „also dachten wir uns, sollten wir zumindest ein ordentliches Aquarium besitzen.“ Auf den Färöer Inseln Argument genug um staatliche Fördergelder zu bekommen. „Wie wäre es denn mal mit einigen künstlichen Riffen zum Surfen?“, wollte ich wissen. „Ha!“, platzte es aus David heraus. „Das wird niemals passieren. Die Färöer kennen genau zwei Dinge, die sie mit dem Ozean assoziieren: Du fährst entweder raus und fischt darin, oder du stirbst darin.“
Oder, sollte man David heißen, lernst du darin, wie du Wellen reitest.
„Die Färöer kennen genau zwei Dinge, die sie mit dem Ozean assoziieren: Du fährst entweder raus und fischt darin, oder du stirbst darin.“
Die Straße war eben und in bestem Zustand. Sie folgte malerischen Fjorden, entlang derer einige Fischer ihre Netze startklar machten, andere segelten in Richtung offener See und ihrem täglich Brot. Ich rauschte vorbei an Dörfern – die meisten sahen identisch aus: Frisch gewaschene Wäsche baumelte auf Leinen im Wind, Hühner und Gänse wuselten durcheinander, junge Frauen ritten auf Pferden. Immer wieder musste ich anhalten, weil riesige Schafsherden die Strasse blockierten, währenddessen ich genug Zeit hatte mich zu fragen, ob es wohl eine Statistik gäbe, wie viele Schafe pro Jahr auf den Färöer Inseln von Autos überfahren werden?
Durch die zahllosen Berge und Hügel führten zahlreiche Tunnel – essentiell für ein kleines bergiges Land wie dieses. Die neuen Tunnel waren breit, hell erleuchtet und hochökonomisch gebaut; die älteren, von denen einige bereits in den 1960er Jahren gebaut wurden, waren flach, schmal, beengend und düster. Ob alt oder jung, ohne diese Tunnel, wäre mein Weg schmerzhaft weit, ungleich langsamer und unglaublich steil gewesen und es hätte Stunden gedauert, bis ich von Tórshavn aus Oyrarbakki und dessen Shell Station erreicht hätte, wo sie Beethoven an den Zapfsäulen spielten. Während ich den Wagen auftankte, bemerkte ich, wie eine gut aussehende Blondine im Auto hinter mir das Surfboard in meinem Van musterte: „Was ist das denn?“, fragte sie. „Ein Surfboard.“ Sie verdrehte ihre Augen: „Mein Gott, was ist bei dir denn falsch gelaufen?“ „Ich bin ein Surfer.“
Schafscheiße und -pisse bedeckte die Straßen innerhalb der Ortschaften, die verlassen schienen. Ich sah kaum einen Menschen – entweder arbeiteten sie in Tórshavn, oder sie verkrochen sich in ihren Häuschen, vielleicht waren sie auch einfach schon vor Jahren fort. Nur selten sah ich jemanden am Straßenrand spazieren gehen in der wohl frischesten Seeluft, die ich je geatmet hatte.
In der Ortschaft Eiåi fand ich einen Strand mit Potential – Riffs in Hülle und Fülle. Es schien als würde der Strand hin und wieder riesige Swells abbekommen. Zumindest wiesen die großen Felsbrocken und die riesigen Baustämme darauf hin, die es offenbar in die benachbarte Lagune hineingespült hatte. Auch der gegenüberliegende Bürgersteig war aufgerissen und hing teilweise halb in der Lagune. Am Strand lungerten zottelige Schafe rum. Die Ohren markiert und allesamt farblich gekennzeichnet, um sie leichter identifizieren zu können: grüne Stirn, rosa Hintern.
In Elduvík winkte ich einem Jungen, der auf einem Go-Cart durch die Gegend heizte. Er blickte misstrauisch zu mir zurück. Die Schafe blökten baaaaahhhhh, während ich an ihnen vorbeischlich. Die Straße endete in einer kleinen Bucht, deren Wasser sich vor mir wellte. Leider stellte sich die Bucht als zu tief heraus, als dass der anrollende Swell in ihr brechen würde. Stattdessen krachte die Dünung unförmig auf dem steinigen Strand zusammen. Armes, kleines Elduvík: 102 Einwohner. Der Ort wird wohl niemals einen Surfspot beherbergen – das gilt im Übrigen für gut 99,9 Prozent der 693 Meilen langen Küste der Färöer Inseln.
Eine schmale Straße führte mich schließlich zu einem kleinen Nest aus farbenfroh gestrichenen Hütten, das am Ende eines dünnen Fjords lag. Die Häuschen standen umringt von einer Art Natur-Amphitheater aus grauem Stein, auf dessen Rand feiner weißer Schnee lag. Auf den von kleinen Wasserfällen durchzogenen Hängen rings herum grasten träge einzelne Schafe. Ich kam direkt aus Westen in das malerische Dörfchen gefahren, so dass sich vor mir unterhalb der beschriebenen Siedlung breit und endlos der Ozean auftat. Was ich zuerst für große Felsbrocken gehalten hatte, entpuppte sich bald als ein Mix aus schwarzem Sand und weißem Schnee. Der Wind blies leicht Onshore als ich den Wagen parkte und das Fenster runterkurbelte. Es war Ebbe und ich konnte schon jetzt sehen, wie sich kleine Swelllinien – vielleicht kniehoch – in die Bucht vor mir schoben und sich allmählich, entlang einer kleinen eisigen Flussmündung, in Richtung Land schälten.
Müde vom vielen Fahren entschied ich kurzerhand im Auto zu warten, bis das Wasser wieder auflaufen würde; dabei gönnte ich mir einige Flaschen Green Islands Stout. Nichts als Kirchenmusik drang aus dem Radio, also machte ich es aus, klappte meinen Sitz zurück und lauschte statt christlichen Chören dem Rauschen der eisigkalten Wellen, in das sich hier und da der heisere Ruf eines Skua-Vogels mischte. Zwei Stunden ging das so, in denen ich keine Menschenseele sah. Hier, buchstäblich am Ende der Straße, schien das Dorf vollkommen verlassen. Stille, bis ich einschlief.
Während ich schlief, hatte sich dieser Flecken Erde in eine kleine Färöer-Fantasiewelt verwandelt, in der die Sonne in den gleichmäßigen Gesichtern der Wellen tanzte.
Vielleicht war es das Bier, vielleicht einfach die Tatsache, dass ich mich allein inmitten einer unwirklichen, märchenhaften Landschaft befand, aber als ich meine Augen öffnete, fiel ich urplötzlich aus allen Wolken. Der Wind hatte auf Offshore gedreht, die Gezeit lief seit sicher einer Stunde wieder auf. Sogar die Sonne kam raus. Ganz im Süden der Bucht brach eine äußerst saubere, sicher brusthohe Rechte wie mit dem Lineal gezogen über eine Sandbank. Während ich schlief, hatte sich dieser Flecken Erde in eine kleine Färöer-Fantasiewelt verwandelt, in der die Sonne in den gleichmäßigen Gesichtern der Wellen tanzte. In dieser Welt, in der die Wellen in feinsäuberlich aufgeräumten Sets aus je vier Wellen den Betrachter alle zwei Minuten aufs höchste entzückten, war ich der einzige weit und breit. Leicht benebelt von all dem Bier befiel mich eine vertraute Hektik. Keine Minute später hatte ich mein 6’6’’ Andreini Quad unterm Arm.
Als ich mich in meinen Neoprenanzug zwang, kam ein grimmig dreinblickender Hüne auf einem Motorrad auf mich zu und parkte direkt neben meinem Auto. Er trug nichts als schwarzes Leder und sah, egal warum und aus welcher Perspektive man ihn ansah, angepisst aus. Er hatte ganz offensichtlich eine Botschaft für mich. Den Kopf noch im Helm wollte er von mir wissen: „Was machst du hier?“ „Ich wollte hier surfen gehen!“, sagte ich kleinlaut.
„Surfen?“ Er nahm seinen Helm ab und enthüllte ein riesiges Grinsen. Er schüttelte meine Hand: „Ich bin Oli. Willkommen auf den Färöer Inseln. Du bist aus –?“ „Amerika. Ich komme aus Kalifornien.“ Beendete ich seinen Satz. „Ah, eine Menge Surf in Kalifornien was? Ich wollte schon immer mal nach Kalifornien.“ „Woher kommst du gerade, Oli?“ „Ich lebe auf Vágar. Kennst du Vágar? Da, wo der Flughafen ist. Ich mach grad nur ne kleine Motorrad-Tour.“ „Was machst du sonst so auf den Färöer Inseln?“ „Ich bin Fischer. Ich bin Ingenieur auf einem Boot. Ich bin gestern aus Neufundland zurückgekommen, wo wir nach schwarzem Heilbutt gefischt haben. Das mache ich seit nunmehr vier Jahren. Wenn die Fischerei gut läuft, verdiene ich eine ganze Menge Geld. Im letzten Jahr habe ich 800 000 Kroner damit verdient (etwa 170.000 US $). „Da kann man sich auch mal ein neues Motorrad leisten“, meinte ich. „Und ob!“ rief er entzückt und musterte sein bestes Stück. „Das ist meine liebste Art unterwegs zu sein.“
Ich wachste mein Andreini. „Vielleicht kaufst du dir das nächste Mal besser ein Surfbrett. Ich habe einen Freund in Tórshavn – er ist der erste Surfer auf den Färöer Inseln. Vielleicht wirst du der zweite?“ „Ich hatte nicht einmal eine Ahnung, dass man auf den Färöer Inseln überhaupt surfen kann“, meinte Oli mit Blick auf die Wellen. „Kann man eigentlich auch nicht. Sieht aus, als hätte ich gerade eine ganze Menge Glück, so gut wie die Rechte da hinten aussieht! Ich hoffe, das bleibt erst einmal so.“
„Wenn die Hoffnung irgendwo ein zu Hause hat, dann hier!“, meinte Oli poetisch: „Die Dinge sind hier selten, wie sei scheinen!“
Nachtrag:
Drei Monate nach meinem Besuch auf den Färöer Inseln, schrieb David: „Die Wellen waren nicht übel in letzter Zeit. Ich lerne eine Menge dazu. Aber so langsam habe ich das Verlangen, auch einmal woanders surfen zu gehen. Ein Surftrip irgendwohin, wo die Wellen besser und beständiger sind, als hier – das wär´s! Ich muss mal richtige Wellen surfen.“ Besonderer Dank gebührt Atlantic Airways (www.atlantic.fo) und dem Färöer Tourismusbüro (www.tourist.fo)
Von Michael Kew
Übersetzung: Henner Thies









