Ich möchte an dieser Stelle mal einen Appell für die Rechte der Nacktmodels ausrufen. Ich weiß nicht, was so ein Playboy-Häschen verdient, wenn es für ein zwei Tage nach Fuerteventura fliegt und sich vor der Kamera auszieht, aber egal: es muss mehr werden, soviel steht fest! Denn auch wenn es auf den Bildern später so aussieht, als wäre die Dame in absoluter Verführungs-Stimmung – das täuscht. Auf dem Foto wird man nicht sehen, was ich sah: Nämlich wie das nackte Model mit ihren zarten Nacktmodelfüßchen zwanzig Meter durchs Wasser über das scharfe Lava-Riff gestakst ist, um sich in Position zu bringen. Wie es dann auf den glitschigen Felsen geklettert ist, den der Fotograf sich als Motiv ausgesucht hat, weil der ja so schön aus dem Meer ragt und hin und wieder ein bisschen überspült und von dem Gischtgespritze so überaus fotogen in Szene gesetzt wird. Toll fand das der Fotograf. Nackte weiße Haut, nackter schwarzer Felsen, Naturgewalten. Große Kunst. Bunny-of-the-Year-Potential!

Dann kam die Welle. Das Model hatte gerade ihre Brüste gen Strand und Kamera ausgerichtet und den Lass-es-uns-gleich-hier-auf-dem-Felsen-tun-Blick angeknipst. Daraus wurde sehr schnell ein Scheiße-was-is-denn-jetzt-los-Blick. Die Welle war ein Stück größer als die bisherigen – eine von denen, die alle 45 Minuten oder so mal kommen und im Line-Up die Reset-Taste drücken. Die Welle spülte das Model vom Felsen herunter und über das Riff. Dafür ist so eine nackte weiße Sexymodelhaut natürlich nicht gemacht, und die Sexymodelpsyche schon gar nicht. Trotzdem, das Foto war noch nicht geschossen. Also musste sie wieder raufklettern auf ihren Felsen, nur um ein paar Räkeleien später wieder runtergespült zu werden. Das alles wurde für das Model sicher nicht schöner dadurch, dass diese Szenen sich direkt neben einem Surfspot abspielten, der an diesem Tag perfekt lief. Und wo ein perfekt laufender Spot ist, da ist der Parkplatz voll mit Surfern. Denen waren die Wellen allerdings vollkommen egal, als sie das Schauspiel sahen, das sich nebenan auf dem Felsen bot. Die Ferngläser und Kameraobjektive waren ausnahmslos auf das Model gerichtet. Brüste statt Barrels.

Das beweist wieder einmal: Es gibt nichts, was Surfer so sehr aus der Fassung bringt, wie die Reize des weiblichen Geschlechts. Sobald ein hübsches Mädchen im Bikini rauspaddelt, sind die normalen Verhaltensweisen im Line-Up außer Kraft gesetzt. Der Wellenhunger ist nicht mehr der einzige bestimmende Faktor. Die Konzentration sinkt rapide. Wo die Meute hinpaddelt, richtet sich nicht mehr danach, wo die Wellen brechen. Jeder will in der Nähe des Bikinis bleiben – natürlich ohne wie ein Hund zu wirken, der einem Knochen hinterher hechelt. Denn so ein Bikini kann ja verschiedene Wünsche hervorrufen: Den Bikini betrachten – und der Bikiniträgerin zwecks geplanter Anbandlung gefallen wollen. Deswegen wollen manche nicht nur still genießen, sondern auch ein bisschen angeben. Die paddeln ihre Wellen dann möglichst theatralisch an, aus dem Augenwinkel überprüfen sie, ob das Mädchen hinschaut. Interessant ist dabei, dass dieses Balzverhalten scheinbar nichts damit zu tun hat, ob die Surfkünste des Angebers überhaupt dazu geeignet sind, das Mädchen zu beeindrucken. Auch auf dem Rückweg ins Line-Up ist plötzlich alles ein bisschen anders, wenn der Bikini in der Nähe paddelt. Während sonst alle so schnell wie möglich zurück in die Take-Off-Zone wollen, gilt es jetzt, sich dem Tempo des Mädchens anzupassen – je nach Geschmack paddelt der eine hinterher, um die Aussicht zu genießen, der andere nutzt den Rückweg für seine Anbandlungsversuche. Was ich mir – aus Sicht des Mädchens – übrigens noch nerviger vorstelle.

Da kann man es nur begrüßen, dass die Zahl weiblicher Surfer in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen ist. Wenn Bikinis im Line-Up zu etwas Alltäglichem werden, werden die Jungs im Wasser nicht mehr alle sofort durchdrehen, sobald einer an ihnen vorbei paddelt.

von Chris Helten