TIDE: Rasta, sorry fürs Wecken. Rasta: Kein Problem. Früher oder später hätte ich ohnehin aufstehen müssen. Worüber willst du reden? Was willst du wissen?
Ich würde mit dir gerne über deinen zweiten TransparentSea-Trip sprechen, den ihr gestern gestartet habt. Außerdem interessieren mich die Hintergründe zu deinem neuen Film „Minds in the Water“, der demnächst erscheinen soll. Perfekt. Lass uns starten.
Bevor wir die genannten Themen anschneiden und ich vergesse dich danach zu fragen: JJ hat mir gesagt ich sollte dich nach deinem „Shark Scare“ von vor einigen Jahren fragen. Kannst du mir erzählen was damals passiert ist? Der Hintergrund zu dieser unglaublichen Geschicht ist folgender: Wenige Tage nachdem meine Freunde und ich unsere Organisation S4C ins Leben gerufen haben, wurde ich Zeuge wie ein Delphin einen Hai, der sich mir und einigen anderen Surfern im Line-Up näherte vertrieb. Es war wirklich unglaublich: Der Delphin hat den Tigerhai, der mir und einem meiner Freunde gefährlich nahe kam einfach weggerammt!
Du willst mich auf den Arm nehmen! Das ist dir wirklich passiert? Ja! Wir waren unweit von Byron Bay am Surfen als es passiert ist. Zwei Tage nachdem wir Surfers 4 Cetaceans gestartet haben. Das war schon ein verrücktes Timing. Nachdem wir uns dazu entschieden hatten endlich etwas zu unternehmen, war das wie Zeichen, das mich nochmals darin bestärkte, dass es richtig war endlich etwas zu tun.
„Es war unglaublich: Der Delphin hat den Tigerhai, der mir und einem meiner Freunde gefährlich nahe kam, einfach weggerammt! Das war wie ein Zeichen.“
Unglaublich. Allerdings.
Nach dieser Erfahrung und der Gründung von S4C ging deine Karriere als unabhängiger Umweltaktivist los. War der Protest 2008 in Japan deine erste Aktion in diese Richtung? Nicht ganz. Zuvor waren wir gemeinsam mit der Sea Shepard auf den Galapagos Inseln, wo wir auf einem ihrer Schiffe angeheuert haben um auf das Problem des Shark-Finning aufmerksam zu machen, was dort in großem Stil betrieben wird. 2007 muss das gewesen sein. Anschließend waren wir einige Jahre in Folge bei der jährlichen Versammlung der International Whaling Commission (IWC). Diese ersten Aktionen mündeten in dem Bestreben im Kampf für unsere Ozeane und deren Bewohner in Zukunft ganz vorne mitzumischen. Erst dann gingen wir nach Japan.
Kannst du diesen „Reifungsprozess“ für uns nochmals nachempfinden: Wann hat dein Engagement begonnen. Wie war bzw. ist deine Verbindung zu Sea Shepard? Von all den Protestbewegungen und Organisationen, die es in dieser Hinsicht gibt, ist Sea Shepard sicher die radikalste und kompromissloseste. Sie setzen auf direkte Konfrontation – vor allem mit Walfängern. Andere belassen es beim stillen Protest mit Plakaten. Meine Freunde und ich haben uns irgendwann dazu entschlossen, dass wir irgendwo dazwischen sein wollen. Also definitiv friedvoll, aber trotzdem entschlossen und dort wo die Dinge passieren. S4C orientiert sich heute sicher auch an der Sea Shepard, aber nicht ganz so konfrontativ.
Arbeitet ihr mit Sea Shepard zusammen? Oh ja. Howie Cooke, mit dem zusammen ich S4C gegründet habe, hat erst kürzlich drei Monate auf einem ihrem Schiffe verbracht. Er ist mit ihnen in die Antarktis gefahren, wo sie gegen die dort florierende Walfang-Industrie vorgegangen sind. Wir arbeiten also definitiv zusammen. Erst letzte Nacht, bei der Kick-Off Party in Santa Barbara haben wir mit Sea Shepard zusammen ein kleines Event veranstaltet.
„Mit S4C haben meine Freunde und ich uns dazu entschlossen endlich etwas zu tun. Und zwar irgendwo zwischen Sea Shepard und stillem Protest.“
Wie ist die Kick-Off-Party gelaufen? Sehr gut. Einige Hundert Leute waren dabei und haben die Dokumentation „Minds in the Water“ gesehen, die wir bei jedem unserer Stops erstaufführen, dem Konzert der Band gelauscht, die uns begleitet – es war großartig zu sehen, dass so viele unterschiedliche Menschen, jung und alt Interesse gezeigt und uns durch ihre Anwesenheit unterstützt haben. Indem wir unseren Protest mit Surfen und anderen freudvollen Dingen, wie Musik und Kunst verbinden, bleibt die Information und die Botschaft, die wir haben für die Leute annehmbar, ohne sie zu überfordern. Das funktioniert super.
Und während dieser Events generiert ihr ein wenig Geld, das ihr dann spendet, oder wie funktioniert eure Tour? Genau. In Santa Barbara haben wir recht gutes Geld verdient, das anschließend komplett der in Santa Barbara ansässigen Umweltgruppe „The Environmental Defence Center“ zu Gute kommt. Alles in allem ein ungewöhnliches Event, wenn man es mit anderen, gewöhnlichen Surf-Events vergleicht.
In der Tat. Nun ist dies schon der zweite TransparentSea-Trip, den ihr mit eurer Organisation S4C startet. Wie hektisch war die Vorbereitungszeit auf diesen Kalifornien-Trip? (lacht) Es war eine Menge arbeit. Zumal dieser zweite Trip sich enorm von unserem ersten TransparentSea-Trip entlang der Ostküste Australiens unterscheidet. Im Vergleich zu unserem Kalifornien-Trip war der in Australien klein und spontan. Auf gewisse Weise war Australien der Test für unser jetziges Projekt. Allein in der Gegend rund um Santa Barbara leben 20 Millionen Menschen. Wenn wir am Ende unseres Trips San Diego erreichen, haben wir mal eben die gesamte Bevölkerung Australiens abgeklappert. Und unter diesen Menschen finden sich unzählige Surfer, die sich mit dem was wir machen identifizieren können. Auch deshalb mussten wir uns auf diesen Trip ganz anders vorbereiten als auf den australischen.
Und wann geht’s ins Wasser? Morgen. Sobald wir erstmal im Wasser sind und anfangen zu segeln, werden auch wir realisieren, dass der Trip beginnt und all die Dinge, werden klarer und offensichtlich.
Wie genau funktioniert euer Segeltrip? Im Grunde werden wir versuchen jeden Tag so weit Richtung Süden und San Diego zu segeln wie möglich. Diesmal haben wir einen recht straffen Zeitplan, den wir einhalten müssen, immerhin haben wir nach Santa Barbara weitere Tourstops in LA, OC und SD geplant. Für die Nächte werden wir immer wieder an Land gehen und entweder am Strand, oder bei Freunden schlafen. Das ist der Plan. Die Grenze zu Mexiko erreichen wir voraussichtlich am 23. Oktober. Wir haben also 23 Tage Zeit um es Paddelnd, Surfend und mit dem nötigen Wind im Rücken hoffentlich auch Segelnd bis dorthin zu schaffen. Anschließend fahren wir von der Grenze einige Kilometer südlich, wo viele Grauwale ihre Brutstätten haben und unsere Route weitergeht.
„Wenn wir am Ende unseres Trips San Diego erreichen, haben wir (zahlenmäßig) mal eben die gesamte Bevölkerung Australiens abgeklappert.“
Ich dachte an der Mexikanischen Grenze wäre der Trip beendet? Ist er im Prinzip auch. Ab der Grenze werden einige wenige von uns mit zwei Booten acht Stunden Richtung Süden, bis in die mexikanische Wüste weiterreisen, um, wie gesagt, die Grauwale zu beobachten.
Woher kommt deine Motivation, dich derart hartnäckig für Wale und Delphine einzusetzen, für sie zu kämpfen? Es ist nicht wirklich ein Kampf, den wir führen. Im Grunde versuchen wir nur positiv zu bleiben und der Industrie etwas entgegenzusetzen, damit die Dinge nicht so bleiben, wie sie sind. Die Botschaft ist klar: Die Menschheit tritt die Natur und insbesondere die Meere und ihre Bewohner mit Füßen – obwohl viele von uns in der Natur die größte Freude verspüren. Das muss aufhören und es geht nur über ein neues Bewusstsein. Das wollen wir nicht schaffen indem wir gegen irgendetwas kämpfen, sondern indem wir das feiern, was an Schönheit und Natur da ist. Jeder, der dieselbe Leidenschaft für die Ozeane verspürt, den werden unsere Aktionen ansprechen. Wenn das alles ein Kampf wäre, bin ich mir sicher, würde ich nicht lange durchhalten. Es muss Spaß machen.
Welche Rolle spielen Surfer für das Schaffen eines neuen Umweltbewusstseins? Eine besondere. Ganz einfach deshalb, weil sie die Natur anders erleben als viele andere Menschen. Man bereist die Welt der Natur wegen, begegnet Delphinen und Walen in ihrer Heimat, erfreut sich an dem, was die Ozeane einem schenken. Wenn du dann jedes Jahr zurückkommst und miterlebst, wie die Wasserqualität, sagen wir in Chile von Jahr zu Jahr schlechter wird und du die unglaublichsten Geschichten von Locals hörst, die nicht wissen, was sie gegen dies oder jenes tun können – wie lange kannst du diese Dinge als vernünftiger Mensch ignorieren und so tun, als wenn du von all dem nichts mitbekommen würdest?
In den Interviews, die ich gelesen habe, redest du viel über Verantwortung. Warum glaubst du spüren viele Surfer dieses Gefühl der Verantwortung für das was sie im Grunde genießen wollen nicht? Aus Bequemlichkeit. Aber diese Dinge passieren auch bei jedem vor der Haustür. Und es sind nicht nur Surfer, die diese Dinge sehen, aber nichts dagegen tun. Die Analogie die ich an dieser Stelle gerne darstelle ist die Beziehung zu unserem eigenen Körper: In den meisten Fällen kümmern wir uns erst dann um unseren Körper und unsere Gesundheit, wenn wir krank werden. Erst wenn du realisierst, dass du nicht pausenlos Party machen und dich betrinken kannst, ohne dass es dir danach schlecht geht, oder du krank wirst, wirst du damit aufhören und anfangen, dich wieder besser um dich selbst zu kümmern. Ich glaube also, dass diese Bequemlichkeit, oder auch Blindheit tief in uns allen steckt. Was auf individueller Ebene jeder von und kennt und macht, passiert eben auch auf größerer Ebene. Egal ob das die Politik betrifft oder die Umwelt.
Kannst du dich daran erinnern, wann du angefangen hast gegen diese Art der Bequemlichkeit aufzubegehren und zu sagen: Ich will die Dinge ganzheitlich sehen und mich dementsprechend verhalten? Das war keine bewusste Entscheidung. Viel von dieser Weltsicht habe ich von anderen Leuten gelernt. Gerade in der Surfwelt tummeln sich so viele wundervolle und bewusst lebende Menschen, von denen man lernen kann; die großartige Dinge tun, sich kümmern. Genau darum geht es auch bei diesem zweiten TransparentSea-Trip: Die Leute entlang der kalifornischen Küste sollen erfahren, wie viele großartige Umweltprojekte es bereits gibt. Sie sollen sich gegenseitig bereichern und voneinander profitiern. Wenn die Leute bescheid wissen, kann niemand mehr sagen, er hätte nicht gewusst, dass er etwas tun kann. Die Ausreden werden weniger. Was mich betrifft ich habe Glück mit meinem Job und den Möglichkeiten, die ich dadurch habe, aber es gibt da draußen so viele andere Leute, die viel wertvollere Dinge in diese Richtung tun, als ich. Mit unserer Aktion wollen wir sicher stellen, dass zumindest die Surfgemeinde von diesen Leuten und ihren Vorhaben weiß und so die Möglichkeit bekommen, sie zu unterstützen.“Die Botschaft ist klar: Die Menschheit tritt die Natur und insbesondere die Meere und ihre Bewohner mit Füßen – obwohl viele von uns in der Natur die größte Freude verspüren.”
Dennoch interessiert mich dein persönlicher Hintergrund was den Umweltaktivismus und die gelebte Naturverbundenheit anbetrifft. Warst du schon immer so – sagen wir aktiv in dieser Hinsicht? (überlegt lange) Bei mir geht das mit meiner frühen Kindheit los. Ich bin in Neuseeland aufgewachsen. Meine Eltern haben schon damals darauf geachtet, sich größtenteils selbst versorgen zu können. Das heißt sie haben ihr eigenes Gemüse angebaut einige Tiere gehalten und dergleichen mehr. Auch meine Großmutter lebte mit uns zusammen. Ich war um die vier oder fünf Jahre alt und fand das alles tierisch aufregend. Das von und mit der Natur leben habe ich daher schon früh gelernt und verinnerlicht. Jetzt da ich älter geworden bin, ist es wie ich zuvor schon mal gesagt habe: Als Surfer reist du um die Welt und siehst über die Jahre, wie sich die Situation beispielsweise in Indonesien entwickelt. Wenn du heute dorthin reist und die Wasserqualität mit der von vor 15 Jahren vergleichst, ist das schockierend! Solche Moment des Gewahrwerdens sind stark genug, um in jedem von uns etwas zu verändern und loszutreten.
Aber diesen einen Moment, der dich ins Grübeln gebracht hat, den gab es für dich nicht, oder? Nicht das ich mich erinnern könnte. Es war eher eine stetige Entwicklung.
“Wenn die Leute bescheid wissen, kann niemand mehr sagen, er hätte nicht gewusst, dass er etwas tun kann. Die Ausreden werden weniger.”
Was erhoffst du dir von diesem zweiten TransparentSea-Trip? Stellst du überhaupt Erwartungen an diesen Trip? Das schon. Unser Ziel ist, die kalifornische Surfgemeinde noch enger zusammen zu bringen und ihnen zu zeigen, wer in ihrer engsten Umgebung was für die Umwelt tut und wie sie sich persönlich in ihrem Umfeld engagieren können. Das ist der Plan. Da geht es weniger um Zahlen, die man am Ende des Trips vorzeigen kann. Wichtiger sind die Erfahrungen, die jeder einzelne von diesem Trip und unseren Stopps und Events mit nach Hause nimmt.
Seit deiner ersten Protestaktion auf den Galapagos-Inseln: Würdest du sagen, die Situation hat sich gebessert? Auf jeden Fall. In der japanischen Bucht, in der wir damals Zeuge der Waltreibjagd geworden sind, patrouilliert heute beispielsweise 24/7 ein Schiff von Sea Shepard. Sie filmen und dokumentieren alles was dort passiert. Abgesehen davon ist die allgemeine Aufmerksamkeit was diese Themen betrifft heute um vieles höher als das vorher der Fall war. Noch dazu müssen wir uns über eines klar werden: Wir, die weltweite Surfgemeinde, sind Teil einer stetig wachsenden und mittlerweile äußerst starken Industrie samt unseren eigenen, unabhängigen Medien. Diesen Einfluss mit dieser und anderen Aktionen auf positive Weise geltend zu machen, um das zu beschützen, was wir lieben und wertschätzen, sollte unser aller Ziel sein.
Vielen Dank Rasta, für das Gespräch.
Weitere Infos zu Rastas Umweltschutzorganisation S4C und den TransparentSea-Trips gibt’s unter: http://transparentseavoyage.com/ oder http://www.s4cglobal.org/news.php
Interview: Henner Thies | Fotos: Hilton Dawe






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