Eigentlich wollte sie nur die Aufmerksamkeit ihres Vaters zurück. Heute gehört Coco Ho mit gerade einmal 19 Jahren zu den besten Surferinnen der Welt. Während Legenden des Frauen-Surfens, wie Layne Beachley, ihre Bretter an den Nagel hängen, drängen junge Talente an die Spitze der Weltrangliste: Coco ist eine von ihnen. Was die „Neue Garde“ im Frauen-Surfen ausmacht, weiß die junge Surferin aus dem ruhmreichen Hause Ho nur zu gut.
Ihr Lachen ist so sympathisch, dass man sie eigentlich nur knuddeln will. Aber knuddelt man eine Prinzessin? Betrachtet man Coco Hos Herkunft, muss man sich genau diese Frage stellen. Unvergessen ist der Sieg ihres Vaters Michael bei den Pipe Masters 1982, als er mit eingegipstem und gebrochenem Handgelenk das Finale für sich entscheidet. Auch den prestigeträchtigsten aller hawaiianischen Events, den Vans Triple Crown, gewinnt Cocos Vater in den Achtzigern zweimal. Ihr Onkel Derek holt 1993 sogar den Weltmeistertitel – und das sind nur einige von vielen ruhmreichen Momenten, welche die Familienhistorie kennt. Die Hos sind die unangefochtenen Könige des North Shore. Nun soll Coco die Thronfolge antreten.
Die „Neue Garde“
Zum Interview erscheint Prinzessin Coco in ihrem schwarz-roten Neo, die Haare tropfnass vom Finale, das sie soeben bestritten hat. Die Siegerehrung hat sie bereits hinter sich – Zweite ist sie geworden, beim 6-Sterne WQS Event im französischen Seignosse. Einzig an der dreimaligen und amtierenden Weltmeisterin Stephanie Gilmore kam die 19-jährige nicht vorbei. Es läuft gut für das frisch gebackene Mitglied des Swatch Girls Pro Team. Als Interviewpartnerin ist Coco gefragter denn je – gleich sechs Journalisten sieht sich die junge Hawaiianerin an diesem finalen Contesttag im Mai gegenüber. Eine Aufgabe, die sie spielerisch löst: Sie lacht viel und laut, stellt ein ums andere Mal eine interessierte Gegenfrage und gibt selbst auf Standardfragen kluge Antworten.
Kein Zweifel: Es ist nicht irgendjemand, der da vor einem sitzt. Mit acht Jahren beginnt Coco mit dem Surfen – spät für eine Hawaiianerin. „Eigentlich nur, um mir Dads Aufmerksamkeit zurückzuholen“, bekräftigt Coco. Die nämlich habe damals vor allem ihrem älteren Bruder Mason gegolten. Um in der Gunst des Vaters nicht schlechter dazustehen als ihr Bruder, folgt Coco Mason damals täglich zum Strand. „Das ist der eigentliche Grund, warum ich mit dem Surfen begonnen habe. Und weil ich genauso viel Spaß haben wollte wie mein Bruder. Dann hab ich mich in den Sport verliebt.“ 2009 beendet Coco ihre Rookie-Saison als vierte der Weltrangliste. Ihr erstes Jahr auf der World Championship Tour der Frauen ist ein voller Erfolg. Sie gewinnt in Peniche den ersten WCT-Event ihrer Karriere und nimmt bald darauf die Trophäe für den Neuling des Jahres entgegen. Seither steht Coco Ho stellvertretend für die sogenannte „New Guard“ – eine Handvoll junger Surferinnen, die ein neues Jahrzehnt im Frauen-Surfen einläuten.
Jungs spielen Poker, Mädels tanzen
„Die Zeiten, in denen wir Frauen uns beweisen und zeigen mussten, dass auch wir gut und radikal surfen können, sind vorbei“, weiß auch Cocos Finalgegnerin Stephanie Gilmore. Legenden wie Layne Beachley hätten den Weg geebnet für Surferinnen wie sie und die junge Coco Ho, so Stephanie. Bei aller Demut – im Frauen-Surfen beginnt eine neue Zeitrechnung. „Den Respekt der Männer haben wir mittlerweile. Jetzt können wir einfach unser Ding machen und das tun, was wir am Besten können“, meint die 22-jährige amtierende Weltmeisterin weiter und klingt dabei wie ein alter Hase: „Dasselbe wie die Jungs, nur mit einem ,feminine twist‘.“ Wie dieser feminine Twist aussehen kann, das haben die Mädels erst am Vorabend wieder gezeigt: Bis in die frühen Morgenstunden haben sie in ihrem Hotel getanzt. Ganz vorne mit dabei: Prinzessin Ho. „Oh ja. Was das betrifft, unterscheidet sich die Mädels-Tour wirklich sehr von der Tour der Männer“, stellt Coco fest. „Wir sind eben doch nur Frauen und lieben tanzen über alles. Wenn uns an flachen Tagen die Langeweile überkommt, dann wird auch mal länger getanzt.“ Am Ende solcher Sessions, so Coco, stehe dann auch mal das ein oder andere persönliche Tanzvideo, das tags darauf auf facebook erscheint, um vom Rest kommentiert zu werden.
„Ich hatte wirklich Motivationsprobleme – aber nur morgens!“
Wie professionell die weibliche Neue Garde hingegen im Wettkampf agiert, dafür ist Coco das beste Beispiel. Trotz einiger Motivationsprobleme während des Events in Seignosse – das Wetter ist durchwachsen, der Surf unbeständig und kalt – kämpft sich die kleine Hawaiianerin in bester Ho Manier bis ins Finale. „Ich habe einen ungeheueren Respekt vor jedem, der es in Europa bis zum Pro-Surfer schafft“, gesteht Coco. „Sich bei jedem Wetter jeden Tag frühmorgens im Neo ins kalte Wasser zu quälen, ist wirklich eine Leistung. Ich hatte teilweise wirklich Probleme, mich zu motivieren“, so die 19-jährige.
Dennoch: Coco ist Profi genug, um sich auch in schlechten und ungewohnten Bedingungen gegen ihre Gegnerinnen durchzusetzen. Es gibt kaum ein Manöver, das sie nicht bis zur Perfektion beherrscht. Coco surft explosiv und kraftvoll – in kleinem wie in großem Surf. Auch das ist eine Qualität der Neuen Garde, für die sie steht: Um sich auch bei großen Swells wohlzufühlen, tritt Coco regelmäßig bei Contests in Sunset Beach an. „Auch wenn mein Vater mir an großen Tagen sagt, ich soll ein Buch lesen, er motiviert mich jeden Tag ins Wasser zu gehen und zu üben“, sagt Coco. Und wenn mal kein Surf ist? „Zuhause spiele ich dann am liebsten Tennis oder trainiere mit meinen Coaches, die mir Nike 6.0 zur Seite stellt. Aber bevor ich trainiere, spiele ich lieber Tennis oder gehe tanzen.“ Ihre Antworten klingen souverän und abgeklärt. Nicht nur im Wasser ist die junge Ho ein Profi. Die neue Garde beherrscht auch den Umgang mit den Medien. Auf die Frage, ob es manchmal Druck auf sie ausübe, in einer so traditionsreichen Familie das Surferbe anzutreten, entgegnet Coco: „Gerade die Presse denkt oft, dass es Stress für mich bedeutet, dass sowohl mein Vater als auch mein Onkel professionell gesurft sind. In Wirklichkeit ist es aber nur eins: total hilfreich. Es ist großartig, ihn an meiner Seite zu haben.“
Prinzessin ist man, zur Königin muss man werden
Keine weiteren Fragen. Warum auch – es ist alles gesagt. Außerdem muss Coco aus ihrem Neo und ihre Preise und den Scheck in Höhe von 2.300 Dollar in ihr Hotel bringen. Morgen geht es mit dem Swatch Girls Pro Team auch schon weiter nach Brasilien. Zum Surfen und um einer Hilfsorganisation vor Ort unter die Arme zu greifen. Geschenke sollen verteilt, Fotos geschossen werden – das Übliche. Dazwischen stehen einige weitere Contests an. Ihre Sponsoren planen Großes mit Coco und sie ist bereit, kennt ihre Pflichten, erledigt ihr Tagwerk und ist diszipliniert genug, um das große Ziel nicht aus den Augen zu lassen. Die Neue Garde ist gerüstet. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Prinzessin zur Königin wird. Das Zeug dazu hat sie – immerhin fließt königliches „Koko“ (Hawaiianisch für Blut) durch ihre Venen.




