Anfang April in der Bretagne. Die Lobby des kleinen Hotels am Rande des französischen Dörfchens Bretignolle sur Mer ist vor wenigen Monaten neu renoviert worden. Der brandneue Stuhl auf dem Yannick de Jager Platz genommen hat, lässt den holländischen Surfpro dementsprechend steif sitzen. Nach gut fünf Minuten schafft das weißblonde Energiebündel es dennoch bequem zu sitzen. Aus dem Protest Vendée Pro, dem 4-Sterne-WQS-Contest, der keinen Kilometer von hier entfernt seit einigen Tagen läuft, ist der junge Natural-Footer bereits ausgeschieden. Trotzdem kommt er gerade aus dem Wasser. Wo er drin war? „Irgendwo nördlich von hier – war ok“, meint Yannick auf Englisch in seinem unverwechselbaren Dialekt.

TIDE: Dein Vater war einer der ersten Surfer in den Niederlanden – stimmt das?

Yannick De Jager: Oh ja. Da ist was dran. Er war vielleicht nicht der erste, aber er gehörte zu der ersten Gruppe an holländischen Surfern, die regelmäßig vor ihrer Haustür ins Wasser sprangen. Soweit ich weiß war ein amerikanischer Soldat, der in den 40er-Jahren in den Niederlanden stationiert war, der allererste. Danach kam lange nichts und dann mein Dad und seine Freunde.

Wie groß war diese Gruppe und wie sahen ihre ersten Schritte aus?

Sie waren damals zu viert. Ihre ersten Bretter haben sie sich über Australier organisiert, die damals des Öfteren nach Europa reisten. Australier waren es auch, die mein Dad in Biarritz verzauberten – in dem Moment als er sie surfen sah, war es um ihn geschehen. Das dürfte mittlerweile über 35 Jahre her sein. Irgendwie ist mein Dad dann mit diesen Australiern in Kontakt geblieben und hat es geschafft, dass sie einige Bretter mit in die Niederlande brachten. Später organisierte mein Dad sich seine Bretter aus England. Irgendwann haben er und seine Kumpel sogar angefangen ihre eigenen Bretter zu shapen.

Wo haben dein Dad und seine Kumpel ihre ersten Wellen geritten?

Das war in Scheveningen! Heute ist Scheveningen das Hossegor von Holland. Definitiv die angesagteste Surfstadt Hollands.

Was macht Scheveningen so besonders?

Der Hafen und die dazugehörige Hafenmauer. Sie teilt den Strand von Scheveningen grob in zwei Hälften auf, die Nordseite und die Südseite. So ist man auf einer Seite immer vor dem Wind geschützt. Bei Nord- und Ostwind versteckt man sich auf der Südseite, bei West- und Südwind auf der Nordseite. Man hat also eine sehr gute Chance auf vergleichsweise saubere Wellen. Dazu ist das Wasser vor der Küste Scheveningens wegen des Hafens etwas tiefer, als anderswo, weshalb die Wellen mit mehr Power brechen. Das i-Tüpfelchen sind die vielen kleinen Molen, entlang des Sandstrandes von Scheveningen, die dazu beitragen, dass sich stets viele gute Sandbänke bilden. Ein idealer Ort also um mit dem Surfen anzufangen. Absolut. Ich habe zwar nicht in Scheveningen mit dem Surfen angefangen, aber die meisten Leute fangen dort an.

So unbedrohlich wie Yannick an Land daher kommt, so aggresiv (im positiven Sinne) geht er im Wasser zu werke. POW hieße es hier im Komiksprech.

Wo hast du deine ersten Schritte und Paddelzüge als Surfer gemacht?

In Portugal. Mein Dad war seit ich denken kann ein leidenschaftlicher Surfer. Das hat auf mich schon als kleines Kind abgefärbt. Damals hat mein Dad mich und meine Mutter ständig auf irgendwelche Surftrips mitgenommen. Meine Mum ist super entspannt und genießt es auch mal mit dem Flow zu gehen. Für sie war es also kein Problem am Strand zu liegen und ein Buch zu lesen, während mein Dad stundenlang den Wellen nachjagte. Ich war immer dabei, hab erst im Sand, dann im Shorebreak gespielt. Irgendwann habe ich dann mit Bodyboarden begonnen und dann trafen wir in einem Urlaub in Portugal, in Supertubos einen Franzosen…

Ein Holländer trifft in Portugal einen Franzosen, der ihm zeigt wie man surft? Dein Dad ist nicht auf diese Idee gekommen?

Ja, verrückt was? Wahrscheinlich hat er da schon dran gedacht… ich kann mir gut vorstellen, dass er Angst um seine eigene Surfzeit hatte (lacht). Der Franzose hat jedenfalls direkt die Initiative ergriffen und zu meinem Dad gesagt: „Warum stellst du den Jungen nicht auf ein richtiges Surfbrett? Wenn du eins besorgst, ich nehme ihn mit raus.“ Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Tag. Ich war sieben. Die Wellen waren super clean um die zwei Fuß und perfekt zum Üben. Am Ende haben wir das 6‘4‘‘ von meinem Dad genommen. Das war so dick und im Vergleich zu mir so groß, dass ich darauf sogar im flachen Wasser stehen konnte. Also stand ich da und der Franzose hat mich stehend in die Wellen geschoben (lacht). Davon habe ich bestimmt noch einige Bilder, auf denen ich schon odrentlich down the line heize (lacht). Wirklich lustig. Wenn ich mich dran erinnere, kann ichs nicht glauben, dass ich bei meinen ersten Versuchen direkt parallel die Wellenwände von Supertubos entlang gefahren bin (lacht).

Yannick bringt das gesmate Paket mit – Das muss er auch, wenn er sich in Zukunft auch in der internationalen Contest-Szene einen Namen machen will.

Ein gelungener Start!

So richtig los ging es allerdings erst einige Jahre später. Anfangs bin ich nur ganz sporadisch hier und da mit meinem Dad surfen gegangen. Mit 9, 10 habe ich dann – auch auf einem alten Brett von meinem Dad – angefangen regelmäßig surfen zu gehen. Und dann, ich glaube es war an der Algarve in Portugal – es müsste sogar noch ein Foto davon geben – habe ich meinen ersten richtigen Bottom Turn gefahren. Auf dem Foto kann man im Hintergrund sogar Marlon Lipke sehen. Damals hatten wir noch nicht wirklich miteinander zu tun. Das erste Mal allerdings, dass ich auf ein kleineres Brett umgestiegen bin, war auf einem von Marlons Brettern, ein 5’11‘‘.

Tatsächlich?

Ja. Mein Dad fragte Marlons Papa, Dago, ob ich mir mal Marlons Brett ausleihen und damit eine Session surfen könnte. Und an diese Session erinnere ich mich bis heute. Es war das erste Mal, dass ich auf einem kleineren Brett surfte und obwohl 5’11‘‘ für mich damals noch viel zu groß war, hatte ich den Surf meines Lebens. Ich glaube da war ich neuneinhalb. Leider geht dieses Erfolgserlebnis auch mit einem meiner schlimmsten Erlebnisse einher.

Nämlich?

Nun, die Sets an diesem Tag waren unregelmäßig, aber wenn sie kamen, waren sie für damalige Verhältnisse ziemlich solide, so um die 4-5 Fuß. Eines dieser Sets spülte mich dermaßen durch, dass ich dachte, jetzt ist es aus! Dabei hatte meine Karriere gerade erst begonnen (lacht). Ich hatte richtig Panik! Nach diesem „Zwischenfall“ hatte ich eine ganze zeitlang Schwierigkeiten angstfrei ins Wasser zu gehen.

Hast du das mittlerweile verarbeitet, oder kommt dieses Erlebnis an großen Tagen hin und wieder hoch?

Ich denke mittlerweile bin ich darüber hinweg (lacht). Ich meine ich bin noch heute kein leidenschaftlicher Big Wave Surfer, aber ich taste mich so langsam auch an die dicken Dinger – und es macht mir sogar Spaß, auch wenn ich noch immer Respekt vor großen Wellen habe.

Wie sieht deine Traumwelle aus? Nah dran…

Wie sieht deine Traumwelle denn aus?

Gut über-kopf-hoch, hollow und am Barreln, am besten nach rechts.

Davon kriegst du zuhause in Scheveningen sicher nicht genügend?

Das ist ein Problem, das stimmt. Ich meine wir haben unsere Tage, aber es sind eben nur drei, vier Tage im Jahr an denen es in Scheveningen richtig abgeht. Und dann ist es supervoll!

Wie hast du es in dieser nicht idealen Umgebung geschafft, so gut zu werden, dass du heute mit Europas besten Jung-Surfern auf WQS Contests um Punkte und Preisgeld kämpfen kannst?

Seit ich ein Kind war, bin ich viele Windswells gesurft. Ich denke in diesen kurzen oft schwachen Wellen, lernt man sehr schnell Wellen gut zu lesen und beginnt schon bald zu verstehen wo man sich platzieren muss um ein maximum an Tempo aus jeder noch so kleinen und unförmigen Welle herauszuholen. Das ist wahrscheinlich meine größte Stärke, das Lesen der Wellen und das richtige Positionieren. Aber klar – eine Menge habe ich an den Stränden Frankreichs und Portugals gelernt, wo die Wellen kraftvoller und größer sind.

Von Scheveningen aus, wie sieht dein persönlicher Weg zum Bezahlt-Surfer aus?

Seit meinen ersten Schritten in Portugal und in Scheveningen hat sich eine Menge verändert – nicht nur innerhalb der Surfszene der Niederlande, die seither enorm gewachsen ist. Nachdem ich die Schule beendet hatte, habe ich erstmal angefangen zu studieren. Allerdings hatte ich bald das Gefühl, das Studium würde zu stark mit meinem Traum, Profi-Surfer zu werden, konkurrieren. Zumal das genau die Zeit war, in der ich meine bisher größte Entwicklung als Surfer durchmachte. Also habe ich mich mehr und mehr auf mein Surfen konzentriert, angefangen einige internationale Events mitzusurfen – um zu sehen wo stehe ich. Das war recht positiv und ich habe auch dabei eine Menge gelernt. Dann wurde ich zum ersten Mal holländischer Meister.

Yannick kurz vor einer entspannten Abend-Session zusammen mit seinem Buddy Marlon Lipke.

Wann war das?

2005 müsste das gewesen sein. Da dachte ich zum ersten Mal daran, dass es mit dem Profi-Surfer-Leben klappen könnte. Kurz darauf hatte ich meine ersten großen Sponsoren und es konnte losgehen. Also habe ich mich vom Studium ertseinmal verabschiedet und angefangen eine Menge zu reisen um mein Surfen noch weiter zu verbessern. 2006 sah ähnlich aus. Von da an war ich mir sicher, dass ich auf dem richtige Weg war.

Hast du manchmal das Gefühl, du hast zu spät mit dem Surfen angefangen, um so richtig Karriere machen zu können?

Ja, manchmal. Ich meine ich bin jetzt 23. Klar fangen andere schon mit 16/17 an sich auf großen Pro Junior Events zu profilieren. Auch ich habe damals an einigen Pro Junior Contests teilgenommen. Ich habe allerdings schnell gemerkt, dass ich meine Strategie ändern muss. Das Contest-Ding war nicht zu hundert Prozent meins. Also habe ich angefangen mich zunehmend meinem Freesurfen zu widmen – das ist wahrscheinlich der größte Unterschied zwischen mir und Marlon, der alle Junioren Events mitgefahren ist, bis er europäischer Junioren Champion geworden ist und von da aus bis in die WCT surfte. Ich bin in der Contest-Welt nie so richtig aufgegangen. Nichtsdestotrotz hatte ich immer wieder ein wenig Coverage durch internationale Surfmagazine. Also sagte ich mir: es gibt andere Möglichkeiten für mich als Pro-Surfer Geld zu verdienen.

Warum nimmst du dennoch an WQS Events wie dem Protest Vendee Pro am Spot von La Sauzaie teil? Weil man natürlich hie und da auch als „Freesurfer“ Präsenz zeigen muss. Zum anderen: Ich kann auch ein ziemlich wetteifernder Surfer sein und will diese Fähigkeit in Zukunft auch mehr ausbauen, da ich glaube, dass dies meinem Surfen insgesamt nur gut tun wird. Im Moment bin ich auf diesem Feld noch recht unerfahren.

Solch schönem Licht muss man erst einmal gerecht werden. Gute Arbeit.

Wir hatten schon einmal darüber gesprochen, dass du dir diesbezüglich Tips von Marlon abholst und mit ihm deine Heats besprichst.

Das stimmt. Marlon ist da ziemlich fit. Er hat mir direkt nach meinem Heat eine Menge guter Tips gegeben und analysiert woran es gelegen hat, dass ich nicht erfolgreicher gesurft bin. Eine meiner größten Baustellen ist im Moment noch mein Kopf – im Heat lasse ich mich oft noch zu sehr von anderen beeinflusen. Da muss ich mich noch mehr fokussieren.

Was sind bezüglich des Wettkampfsurfens einige deiner Ziele für dieses Jahr?

Mein Ziel ist es, an einem WQS Prime Event teilnehmen zu können. Dafür braucht man ein bestimmtes Maß an Punkten innerhalb der Weltrangliste, die es ja seit diesem Jahr gibt. Wenn ich das schaffen kann, habe ich schon einen großen Schritt in die richtige Richtung getan. Abgesehen davon werde ich versuchen die Europäische QS-Serie mitzufahren und dort unter die ersten 20 zu kommen. Danach werden wir weitersehen.

Sollte das nicht klappen – wirst du mit dem Freesurfen trotzdem weiterhin genügend Geld verdienen können?

Oh ja. Wie gesagt. Das Freesurf-Ding läuft im Moment ganz besonders gut und ist sozusagen mein Steckenpferd. Von daher wird da in der Zukunft noch so einiges an Footage in europäischen und internationalen Magazinen landen.

Du sagtest dein Vater war selbst ein großer Surfpionier und ist noch heute leidenschaftlicher Wellenreiter – wie sehr nimmt er an deiner Karriere Teil?

Hat er großen Einfluss? Es geht. Wir versuchen so oft es geht miteinander auf Trips zu fahren und zu surfen, manchmal begleitet er mich auch auf Wettkämpfen. Gut möglich, dass diese Art des Supports in Zukunft wieder zunehmen wird, da mein Dad soeben in Rente gegangen ist (lacht). Abgesehen davon, so richtig würde es wahrscheinlich gar nicht funktionieren, wenn er und ich zusammen arbeiten würden – dazu sind wir uns zu ähnlich! Ich meine wir lieben uns, aber jeder hat seine eigene Meinung, gerade was das Surfen angeht.

Yannick, viele Dank für das Gespräch.

Interview: Henner Thies
Fotos: Ray Max, Henry Leboef