Lässig steht Jason genannt „Ratboy“ Collins über das Eisengeländer gebeugt, das entlang der gesamten Steamer Lane verläuft. Man sieht, dass er von hier kommt. Was man nicht sieht, ist, dass er das Surfen vor gut 15 Jahren nachhaltig verändert hat. Mit TIDE spricht „Ratboy“ über die Evolution des Aerial-Surfing, seine frühen Sternstunden an der Steamer Lane und die Zukunft des Wettkampfsurfens.
TIDE: Jason, du bist in Santa Cruz geboren und aufgewachsen – bist in Surferkreisen eine Legende? Ratboy: Ich würde nicht sagen, dass ich eine Legende bin, aber ich denke die Leute kennen mich und schätzen mich hier.
Dennoch warst du einer der ersten Surfer weltweit, die mit Aerials experimentiert haben und die ersten Airs im Line-Up gesprungen sind, hier in Santa Cruz. Ja und nein. Es gab einen Typen hier, Kevin Reed, der meiner Meinung nach als erster mit dem Springen von Airs angefangen hat. Das müsste in den Siebziger-, Achtziger-Jahren gewesen sein. Flea, Barney und ich kamen erst danach. Allerdings denke ich, dass Barney Barron damals mit Abstand der innovativste und beste war, was Airs anging. Damals hing ich eine Menge mit Barney rum. Er war älter als wir und hat uns diesbezüglich ziemlich gepusht.
„I can‘t take credit for that. It was definitley Barney who got us all started.“
Der Erfinder des Aerial-Surfing warst also nicht du, sondern Shawn Barney Barron? Ja. Diesen Titel kann ich nicht für mich beanspruchen. Er gehört Barney.
Barney hat also den Stein ins Rollen gebracht. Wie ging es danach weiter? Als wir gesehen haben, was auf einem Surfbrett möglich sein kann, haben wir uns gegenseitig immer mehr gepusht um ein noch höheres Level zu erreichen.
Kannst du dich daran erinnern, wie die Idee einen Air auf einem Surfbrett zu springen damals entstanden ist? Oder war das ein Unfall?
Wir sind allesamt viel Skateboard und Snowboard gefahren. Da war der Weg vom Asphalt ins Wasser nicht mehr weit. Zuerst springst du mit einem Skateboard von einer Mini-Ramp, dann fliegst du mit dem Snowboard über einen Kicker und irgendwann sitzt du im Line-Up und denkst dir: Why not try it? Der Rest war Üben Üben Üben, bis es endlich geklappt hat.
„The Air Show Series back in the Nineties was probably the beginning of everything.“
Die Aerial-Revolution nimmt ihren Anfang also in Santa Cruz?
Auf jeden Fall. Damals haben sicherlich auch andere Leute in anderen Teilen der Erde versucht Tricks aus dem Skateboarden auf das Surfen zu übertragen. Aber hier in Santa Cruz gab es damals eine Handvoll Leute, die sich dem Springen von Airs regelrecht verschrieben hatten. Als wir schließlich die Air Show Series ins Leben gerufen haben, ging es so richtig los. Das war wohl der Anfang der „Aerial-Revolution.“
Wie genau und wann ist diese Air Show Series entstanden?
Barney Barron und Skip Sneed sind sicherlich die Urväter der Air Show Series. Sie haben 1998 geholfen die nötigen Sponsoren für den ersten Contest zu organisieren. Am Anfang war es ein eher kleiner, fast geheimer Contest, an dem nur eingeladene Surfer teilnehmen konnten. Noch dazu surften wir zu Beginn an Secret-Spots, die einzig und allein die Locals hier kannten. Aber schon damals ging es im Contest um ein kleines Preisgeld.
„In the beginning it was just the select guys around the world, who could take part in the Air Show Series – guys like Ozzie Wright.“
Wie viele Teilnehmer hatte diese erste Air Show?
Ich denke um die sechzehn Jungs haben am ersten Contest teilgenommen. Jungs wie Nate Acker, Christian Fletcher, ich, Barney, Flea … es ist lange her. Die Regeln des Contests orientierten sich an dem damals üblichen Heat-Format der ASP. Sprich vier Jungs pro Heat in dem die zwei besten Aerials bewertet wurden und jeweils die zwei besten Surfer weiterkamen.
Was gab es für den Gewinner?
Ganze dreihundert US-Dollar. Das Preisgeld wurde unter anderem durch die Antrittsgelder finanziert, die jeder Starter bezahlen musste. Eine andere interessante Besonderheit war, dass es keine Interference-rule gab. Wenn man wollte konnte man dem anderen also reindroppen – da ging es noch um Respekt. Wie im wahren Surfen weltweit.
„My first Air ever was a stock frontside air, that I pulled off right in front of my house! Probably not very good, but I was stoked.“
Kannst du dich an deinen ersten gestandenen Aerial erinnern?
Ich glaube meinen ersten Aerial habe ich an meinem Homespot, direkt vor meinem Haus gestanden – ein stinklangweiliger Frontside Air. Wahrscheinlich nicht einmal besonders gut, aber ich war superstolz. Damals gab es noch nicht so viele Kameras, deshalb hat ihn sicherlich niemand gefilmt, geschweige denn gesehen.
Hast du anschließend allen davon erzählt?
Nah! Wenn man hier mit so etwas hausieren geht, wird man eher verarscht. Das kommt nicht so gut an. Man kann darüber reden aber eher nebenbei, anstatt sich selbst zu loben.
Wann genau hat die Surfszene begonnen von dir und deiner „Aerial-Crew“ Notiz zu nehmen?
Ich glaube als ich 1994 auf dem Cover des amerikanischen Surfer Magazin erschien, fingen die Leute an über uns zu reden. Das Cover-Foto entstand während einer Expression-Session, die im Rahmen des 94er Cold Water Contests stattfand. Also Jahre vor dem Start der Air Show Series (1998). Ein schönes Foto (lacht). Ein fetter backside Air.
„On the cover it said: Did he make it? And on the inside you could see the whole sequence.“
Erinnerst du dich an die Headline?
Yeah! Auf dem Cover fragten sie in großen Lettern: Did he make it?
Und?
Und ob. Sie machten ein Klappcover daraus: Auf der Titelseite stand ich hoch in der Luft mit der Headline darunter und auf der aufklappbaren zweiten Seite war die Sequenz zum Foto. Das war ziemlich cool.
Vom ‘94er Surfer Magazine-Cover bis zu den unglaublichen Aerials die heutzutage vor allem junge Kids springen – was sind aus deiner Sicht die Eckpfeiler dieser Entwicklung?
Ich denke nach dem Cover kam erst einmal lange nichts … außer der Air Show Series. Und selbst die verlor nach und nach ein wenig an Glaubwürdigkeit (credibility), weil immer mehr Jungs daran teilnahmen, die meiner Meinung nach nicht unbedingt dabei sein sollten.
Warum das?
Schwer zu sagen. Es ist ein Gefühl, das ich hatte. Jungs die während ihrer Heats down-the-line heizten um am Ende einen einzigen Air zu probieren, den sie meistens nicht standen, anstatt die Airs in ihr Surfen zu integrieren, sie zu nutzen um Sektionen zu überwinden. Keine Ahnung. Ich habe zunehmend schlechte Styles und viele komische Charaktere auf den Contests gesehen, während die Jungs von damals kaum noch an den Events teilnahmen.
„I thought that in the end it was so hyped up – I couldn‘t even take it serious any more.“
Wie sollte die Air Show Series deiner Meinung nach denn aussehen?
Ganz klar eine Invite-only Veranstaltung. Dazu hat es mich gestört, das das gesamte Thema Aerial-Surfen so gehyped und künstlich aufgeblasen wurde.
Dennoch hat die Air Show Series zu der rasanten Entwicklung des Aerial-Surfens beigetragen, oder würdest du sagen, sie stand ihr irgendwann eher im Weg?
Nein, nein. Das hat sie sicher. Dennoch denke ich, dass ab 2000 vor allem Jungs wie Chris Ward oder auch Kelly Slater das Aerial-Surfing weiter vorangetrieben haben als jede Air Show Series. Einfach weil Jungs wie Chris in ihren normalen WQS- und WCT-Heats zunehmend Airs gesprungen sind und die ASP-Judges damit vor große Probleme gestellt haben. Alle am Strand, selbst die Judges waren erstaunt über Airs, aber sie konnten sie nicht einordnen geschweige denn bewerten. Das hat sie gezwungen, sich grundsätzlich mit dem Aerial-Surfen auseinanderzusetzen und es schließlich in ihrem Bewertungssystem zu berücksichtigen.
Mittlerweile sind Airs in Contests sogar Standard.
Oh ja. Mehr noch: Wer einen fetten Air springt, bekommt dafür sogar eine richtig hohe Punktzahl. In Zukunft wird kein Surfer mehr einen Heat gewinnen können, der in seinem Lauf keinen Air springt.
„Today when it comes to scoring potential, I think aerials are definitely second best to tuberides!“
Ist das nicht verrückt?
Wenn du überlegst, das diese Entwicklung vor deinem Haus, hier in Santa Cruz ihren Anfang genommen hat? Es ist verrückt. Absolut unglaublich. Auch wenn ein tiefer Tube-Ride, nach wie vor besser bewertet wird, als jeder Aerial. Nach dem Tube-Ride kommt direkt ein gut gesprungener Air, was potentiell hohe Punktzahlen angeht. Surfen verändert sich und Aerial Surfing hat daran großen Anteil: Gestern gab es für Tube-Rides gepaart mit harten Turns die besten Punktzahlen. Heute gewinnt derjenige, der einen Tube-Ride mit einem Fetten Air und einigen schwierigen Manövern kombiniert. Kelly Slater, Dane Reynolds, Owen Wright – all diese Jungs springen heutzutage in jedem Heat ihre Airs. Jordy Smith macht hier und da einen Superman. Es ist nicht zu glauben was für Airs einige Surfer heutzutage selbst in Contests springen.
Auf der anderen Seite lernen viele Kids heutzutage einen Frontside Air, bevor sie einen Cutback fahren können. Wie ist es zu schaffen, dass die grundlegenden Manöver nicht zu Gunsten stylischer Aerials geopfert werden?
Das ist sicher ein Problem. Es gibt zum Glück noch reichlich ältere Surf-Coaches, die den Kids einbläuen, dass ein Aerial ohne all die Basismanöver nichts wert sind. Dass Kids Airs springen wollen, anstatt wie ihre Väter Cutbacks zu fahren darf uns nicht überraschen. Solange wir darauf achten, dass die Basics beherrscht werden, sehe ich darin auch kein Problem. Positive Beispiele gibt es genügend. Kolohe Andino ist ein solches Beispiel. Ich garantiere dir, dass sein Coach ihm zuerst die Standard-Turns hat lernen lassen, bevor es für Kolohe in die Luft ging. Das kann man sehen – er carvt seine Turns wie kein Zweiter.
Mit deinem Wissen um die Herkunft des Aerial-Surfing: Wer denkst du wird das Aerial Surfing in Zukunft am meisten vorantreiben?
Im Moment ganz eindeutig Jordy Smith und Owen Wright. Anschließend wir mit Sicherheit Kolohe übernehmen, so jung wie er noch ist. Nicht zu vergessen: Dane Reynolds. Nicht nur seine Carves, auch die Airs, die er springt sind gelinde gesagt eine Frechheit. Dane ist ein Freak und jeder weiß das.
Danke, Jason für das Gespräch.
Interview: Henner Thies
Fotos: Sergio Villalba, Henner Thies









