Über englische Gewohnheiten, französische Frauen und die Schizophrenie eines musikalischen Surfers
So herzlich wie Ben Howard und dessen Bandmitglieder India Bourne und Chris Bond hat uns selten jemand zum Gespräch empfangen. Und das obwohl der Termin kurzfristiger nicht hätte sein können. Keine zwei Stunden vor ihrem Auftritt im Münchener Backstage Club gibt Bens’ Tourmanager Olli uns das Ok: „Wenn es geht um 19:30 hier im venue.“ Eine halbe Stunde später sitzen wir anstatt im Büro mit Ben und Co. auf der Couch. Im Interview mit TIDE spricht Ben über milked Tea, Audrey Toutau, heilsames Zweifeln und das was Ben „Chinese-Lesbian-Funk“ nennt.
–> Keine Lust zum Lesen? Hier geht’s zum AUDIO INTERVIEW Teil 1 & Teil 2
TIDE: Was ist das Inspirierendste an deiner Heimat, South Devon? Ben Howard: Ich denke da denkt jeder gleich: Zuhause ist zuhause. Mittlerweile bin ich nicht mehr oft daheim. Das macht die Zeit, die ich zuhause entspannen kann umso wertvoller für mich. Alles ist vertraut, man kennt sich aus, trifft alte Freunde, geht mit ihnen zum Strand. Wenn das Wetter stimmt und die Wellen gut sind, ist zuhause der beste Ort auf der Welt!
„A support slot for Joss Stone? I thought fuck it – I‘m going surfing! And it was one of the best calls I‘ve made!“
Kürzlich hast du die Gelegenheit mit Joss Stone zusammen aufzutreten bewusst verpasst, weil die Wellen bei dir zuhause zu gut waren, stimmts? (Lacht) Oh ja. Ich hatte drei Tage lang einige Shows in London gespielt. Weil der Forecast für Cornwall sehr gut aussah, habe ich sofort den Zug nach Hause genommen. Plötzlich ruft mein Manager an und sagt: „Wir haben soeben eine Anfrage erhalten, ob wir morgen nicht als Vorband für Joss Stone spielen wollen?“ Es ging um einen wirklich großen Auftritt für mich. Trotzdem hoffte ich auf guten Surf mit meinen Freunden. Als ich sie anrief um herauszufinden wie die Wellen aussahen, meinten sie nur: „Yeah! Es ist total am feuern!“ Also dachte ich soll ich, soll ich nicht, bis ich soweit war und sagte: „Fuck it! Ich gehe surfen!“
Wirklich? Ja! Was hätte ich denn machen sollen? Am Ende war es eine der besten Entscheidungen ever: Es war sonnig und die Wellen waren zwei Tage lang erste Sahne. Es war großartig.
An welchem Spot warst du surfen? An meinem Homespot an der Südküste Devons. Er heißt Banthon. Nicht weit davon gibt es eine ganze Reihe weiterer kleiner Spots. Wenn wir mal einen ordentlichen Swell abkriegen, dann haben wir gleich eine Fülle an Möglichkeiten.
Was ist dein britischster Charakterzug? (Aus dem Hintergrund meldet sich India zu Wort) Das kann ich beantworten: Tee! (lacht) Du trinkst unfassbar viel Tee!
Schwarzer Tee mit Milch? Ganz genau. (lacht) Ich trinke Unmengen „milked tea“. Sobald wir ans europäische Festland kommen, habe ich meine liebe Müh: Es ist schwierig hier an guten britischen Tee zu kommen. Außerdem habt ihr unterschiedliche Arten Milch, mit denen ich nicht wirklich was anfangen kann. Das nervt total. (Im Hintergrung bricht India in Lachen aus) Ich will doch bloß eine ordentliche Tasse Tee! (lacht)
„Just a cup of PJ tips, semiskimmed milk, one sugar – I‘m happy!“
Ich hatte gehofft du würdest auf meine Frage nach deinem britischsten Charakterzug „saufen“ antworten…da ich gelesen habe du trinkst dann und wann gern mal einen über den Durst? (lacht laut auf) Ich mag trinken genauso gern wie jeder normale junge Mensch. Als Musiker verbringst du bloß dein halbes Leben in Bars, was dem Alkoholkonsum nicht unbedingt abträglich ist! Wir sind zum Beispiel seit vier Tagen in Deutschland unterwegs und waren bereits in sechs verschiedenen Bars. Meistens kommst du gegen Nachmittag an einem Veranstaltungsort an und wenn da backstage ein Whiskey auf dich wartet, trinkst du eben Whiskey. Heute haben sie den Whiskey vergessen, also gibt es Vodka (lacht).
Wirst du auf der Straße erkannt und angesprochen? Auf Shows natürlich schon – Daran habe ich mich bis heute nicht gewöhnt, zumal dies unsere erste „Headline-Show“ ist. Da kommen plötzlich 200 Leute in Hamburg oder Berlin zusammen, die alle wissen wer du bist. Das ist schon komisch. Anders als wenn du als Vorband auftrittst und dich erst einmal vorstellen musst, damit die Leute deinen Namen kennen – da konnte ich auch mal eine Kapuze überziehen und mich unter die Leute mischen, bevor es losging. Das geht auf deinen eigenen Shows nicht – da gucken dich plötzlich alle an! (lacht)
„I don‘t like the idea of everyone knowing who I am.“
Wirst du das vermissen – innerhalb der Zuschauermenge verloren zu gehen, ohne das dich sofort jeder erkennt? Definitiv. Im Moment passiert das nur auf meinen eigenen Shows – sonst kann ich nach wie vor problemlos im Publikum verloren gehen. Ich hoffe, dass das so bleibt. Mir gefällt die Idee nicht, dass jeder direkt weiß wer ich bin.
Wenn du weiterhin als Vorband von Xavier Rudd auftrittst, wird daraus wahrscheinlich nichts! (lacht) Oh ja – da ist natürlich was dran.
Wie versteht ihr beiden euch? Hervorragend. India war auf der letzten Show auch mit dabei. Die Jungs mit denen Xavier unterwegs ist, sind unglaublich. Ich bin mit Xavier damals in Cornwall sogar zum Surfen gegangen und er ist beinahe gestorben! (lacht)
Was du nicht sagst? (wieder schaltet sich India ein:) Er hat damals zwei Pasties gegessen! Ben: Kennst du „Cornish Pasties“? Es gibt nichts, was dir schwerer im Magen liegt als Pasties. Ich glaube Xavier ist Vegetarier, also hat er zwei große vegetarische Pasties gegessen, kurz bevor wir ins Wasser gegangen sind. Die Wellen waren an dem Tag zwar klein, aber es war ein wundervoller cornischer Tag: klarer Himmel, kleine saubere Wellen und schweinekalt. Ich meine mir war kalt und ich bin kaltes Wasser gewöhnt. Xavier hat als Australier nie einen dickeren Neo als einen 3/2er getragen. Trotzdem war er total stoked ins Wasser zu kommen und meinte nur „Yeah, fuckin come on mate!“. Er hat sich tierisch beeilt mit seinem 3/2er ins Wasser zu kommen. Auf dem Weg zurück zum Veranstaltungsort saß er hinten im Wagen, zusammengekauert zu einem eisigen Knäuel und völlig unterkühlt (lacht)
Aber er hat es geschafft? Klar (lacht), aber es hat ganz schön gedauert. Er ist schon ein toller Typ!
Ihr wart also bereits gemeinsam surfen – wer von euch will es beim Surfen denn mehr wissen: du oder Xavier? Oh, das ist schwer zu sagen. Es war vielleicht einen halben Fuß groß, als wir zusammen draußen waren (lacht). Ich weiß es nicht. Aber ich würde es gern einmal herausfinden. Am besten bei ihm zuhause. Er lebt in der Nähe von Bells Beach – da würde ich gerne einmal mit ihm reinhüpfen.
Habt ihr zwei weitere Gemeinsamkeiten, abgesehen von eurer Liebe zum Surfen? (denkt lange nach) So genau kann ich das gar nicht sagen, aber ich denke die Verbindung, die Surfer miteinander haben ist immer etwas Großartiges! Egal zwischen welchen Surfern. Abgesehen davon lieben wir es beide, Musik zu spielen. Er ist ein wenig älter und schon eine ganze Menge weiter als ich es bin. Es ist schon etwas Besonderes, mit jemandem touren zu können, den man seit einigen Jahren bewundert und zu dem man aufschaut. Als Live-Musiker sind er und seine Band unübertroffen!
Hast du dir die ein oder andere seiner unkonventionellen Spieltechniken aneignen können, während du mit ihm auf Tournee warst? Leider nicht wirklich, nein.
Trotzdem hast auch du eine sehr eigene Art die Gitarre zu spielen! Das stimmt. Aber mit Xavier hat das nichts zu tun. Er spielt eine Menge „Lap-Slide“. Ich habe erst vor Kurzem eine geschenkt bekommen. Ich würde gern das ein oder andere Stück darauf spielen können, aber noch kann ich nichts an dem Ding. Xavier beim Spielen zuzugucken ist hingegen eine wahre Freude. Ich liebe seine Multi-Instrumentalität. Die Fülle an Instrumente, die er beherrscht – das ist schon faszinierend. Allein wieviele unterschiedliche Rhythmen er auf einmal spielen kann – wie Jimmy Hendrix! Auch er hat mich damals fasziniert und tut es immer noch. Bei Xavier ist das ähnlich: Er spielt eine Melodie auf der Gitarre und singt währenddessen eine andere! Es ist unglaublich – er macht vier Dinge gleichzeitig! Er spielt den Drumbeat, spielt eine Melodie auf der Slide-Gitarre, koordiniert seine Samples mit einem Fuß am Boden, spielt währenddessen Digeridoo und singt dabei auch noch! Und du fragst nur: „What?“
“Xavier‘s a real feeler of music – Maybe that‘s our biggest similarity: musically we‘re both really directed by our hearts more than anything!“
Kommen wir auf deinen persönlichen Stil die Gitarre zu spielen zurück: Kannst du uns vormachen, wie genau du die Gitarre auf deinem Schoß liegend spielst? Klar! Für gewöhnlich spiele ich ganz normale Akustikgitarren. (dann lässt er die Gitarre auf seinen Schoß sinken, stimmt sie kurz und beginnt auf seine ganz eigene Weise die Seiten zu zupfen und mit der freien Hand im Rhythmus auf den Klangkörper zu klopfen) Im Prinzip begleite ich mich selbst nur durch ganz herkömmliche Percussions, die sich je nach dem Gitarrenteil, auf den ich gerade klopfe unterschiedlich anhören. (dann lässt er sich eine Weile vom Klang seiner Gitarre tragen, bevor er seine Erklärungen wieder aufnimmt) Ich spiele hierbei gar keine außergewöhnlichen Melodien – es geht vor allem um den Rhythmus und das Gefühl…
Das ist ziemlich beeindruckend! Es ist ziemlich cool, weil ich die Gitarre danach immer noch umdrehen und normal spielen kann. Die Gitarre summt zwar eine Menge, aber ich mag das eigentlich sehr gerne. Das gibt ihr dieses Organische!
Wie bist du dazu gekommen die Gitarre auf diese Art und Weise zu spielen? Das erste Mal habe ich John Smith die Gitarre so spielen gesehen. India und ich hören sehr viel John Smith: Ein Engländer aus Devon um genau zu sein, den ich leider noch nie getroffen habe. Ich habe ihn gesehen, als er John Martyn supported hat, einen britischen Singer/Songwriter. John Smith hat damals einen Song namens „Winter“ performed, der mich weggeblasen hat.
Wegen der Art und Weise wie er die Gitarre gespielt hat? Ja! Vor allem wegen diesem Percussion-Sound, den er aus der Gitarre herausgeholt hat. Ich dachte nur: Wow! Ich bin sofort danach nach Hause und habe geübt und geübt. Ganz allmählich hab ich es dann gelernt. Es ist wie mit jedem anderen Instrument oder jeder anderen Spieltechnik: du entwickelst dich immer weiter und wirst doch nie alles können.
Glaubst du John Smith ist einverstanden damit, dass du seine Art und Weise die Gitarre zu spielen übernommen hast? Ich weiß gar nicht. Ich habe ihn ja noch nie getroffen.
„I wouldn‘t say I‘m a fantastic guitarist, but I like to create a song by using it by feel, rather than just shred on the guitar – for me it‘s all about makin‘ a song.“
Er weiß also nicht, dass du seinen Gitarrenspielstil übernommen hast? Vielleicht hat er von mir gehört? Von mir persönlich weiß er es nicht. John ist ein unglaublicher Folk-Musiker. Ich hoffe er ist nicht zu ärgerlich auf mich! (lacht) (Erneut schaltet sich India ins Gespräch ein): Ihr spielt schon ziemlich unterschiedlich, auch wenn er es erfunden haben mag – ähnlich klingen tut ihr nicht wirklich. Ihr benutzt die Technik an unterschiedlichen Stellen. Ben: Stimmt. Ich glaube mittlerweile gibt es sogar eine ganze Reihe Leute, die die Gitarre auch mal auf den Schoß legen und so spielen. Zum Beispiel Erik Mongrain – Er macht eine Menge mit „air-taps“, wie er sie nennt und ist phänomenal dabei! Ich bin mit dieser Technik lange nicht so weit, wie viele andere Musiker. Ich würde nicht einmal behaupten, dass ich ein fantastischer Gitarrist bin. Aber ich liebe es einen Song zu kreieren, indem ich die Gitarre nach meinem Gefühl nutze, anstatt tierisch auf der Gitarre loszulegen – für mich geht es vor allem darum einen Song entstehen zu lassen. In der Regel suche ich mir deshalb eher einfache Riffs und Akkorde um interessante Songs daraus zu machen.
Vielleicht ist es dieses Gefühl für einen Song, von dem du gerade gesprochen hast, das dich von den anderen Musikern unterscheidet? Absolut. Ich kann ja nicht einmal Noten lesen…
„The big thing is: I can‘t read music! I don‘t know the notes I‘m playin‘ most of the time – It‘s just how it sounds.“
Überhaupt nicht? Kein Stück (lacht). India hat eine klassische Musikausbildung mit Notenlesen und allem drum und dran. Ich weiß meist überhaupt nicht welche Noten ich gerade spiele – für mich kommt es einzig und allein darauf an wie sich der Sound am Ende anhört.
Du fühlst die Musik also tatsächlich und ausschließlich? Das ist der beste Weg – und für mich der einzige (lacht).
Begeben wir uns in ganz andere Gefilde: Was gefällt dir so sehr an Audrey Tautou? (Im Hintergrund bricht India in schallendes Gelächter aus) „Oh verdammte Scheiße – du hast das Interview gesehen! (auch Ben lacht nun) Was zur Hölle?“.
Musstest du diese Frage schon einmal beantworten? Nein, aber ich erinnere mich an das Interview. Es war in deutsch, deshalb konnte ich nichts davon lesen, außer der Überschrift: „Audrey Tautou – she‘s pretty hot.“ Das war alles.
„I generellay like small brunettes!“
Nun – wir haben es gefunden, also: Weswegen findest du sie so heiß? Ich denke ich habe am Tag des besagten Interviews ein Poster von ihr auf der Straße gesehen und dachte mir nur: Wow – sie ist wunderschön! Sie hat dieses typisch Französische an sich, sehr süß! Aber im Prinzip war das damals bloß eine spontane Aussage: Während ich Wein trinkend in Paris saß hat mich plötzlich eine Journalistin angerufen. Eine ihrer Fragen war: Wenn du eine Berühmtheit daten müsstest, wer würde das sein? Also sagte ich: „Mmmhhh… Audrey Tautou – she‘s hot!“ Aber ich stehe tatsächlich auf kleine Brünette. Schreib das in dein Interview (lacht).
Kann man sagen, dass du im Moment vor allem daran arbeitest, dein Leben zu genießen so sehr du kannst? Auf jeden Fall ja!
„My whole plan was: If I was gonna leave Uni, then I was gonna give music a hundred percent and that‘s sort of what I‘ve done – I can‘t have any regrets about that.“
Zweifelst du manchmal trotzdem an deiner Entscheidung die Universität zu verlassen? Im Moment eigentlich nicht… „fuck it“. Überhaupt nicht! Ich denke wenn du einmal eine Entscheidung getroffen hast, solltest du auch mit ihr leben. Ich wusste: würde ich die Uni verlassen, dann würde ich mein Leben zu einhundert Prozent der Musik widmen. Und das ist so ziemlich was ich bisher gemacht habe. Ich hege daher keinerlei Zweifel und bedauere keine meiner Entscheidungen! Ich meine wir reisen eine Menge; dürfen an allmöglichen Orten Musik spielen – für mich ist das ein Segen. Ich glaube sogar, dass meine damaligen Dozenten Mitglied auf meiner Facebook Fanseite sind – für mich ist das ist ein gutes Zeichen (lacht).
Hast du jemals daran gezweifelt, dass es mit deiner Musik klappen würde? Oh ja, und wie. Eine Menge sogar.
Kannst du dich an den Moment erinnern in dem du gesagt hast: Was solls – alles oder nichts? Ich habe ständig Zweifel. Ich glaube, dass es gesund ist, an sich selbst zu zweifeln. Es ist sogar gesund, wenn man in regelmäßigen Abständen an allem zweifelt. Aber man muss einen starken Charakter haben um seine Zweifel zu verstehen und an ihnen zu arbeiten. Ich meine, ich wache jeden Tag auf und frage mich: Kann das wahr sein? Kann ich in fünf Jahren noch von meiner Musik leben? Ich glaube ich denke viel zu viel über diese Dinge nach. Aber es ist sicher normal immer mal wieder an allem zu zweifeln. Hauptsache du hast dir am Ende nicht vorzuwerfen du hättest nicht alles versucht.
Zweifelst du auch an dir, wenn du auf die Bühne trittst? Ja. Wir sind immer noch nervös, wenn wir auf der Bühne stehen. Wir haben uns noch nicht daran gewöhnt, dass die Leute nur wegen uns kommen. Headline-Shows sind ziemlich verrückt was das angeht: Plötzlich sind alle nur wegen uns da! Das erzeugt einen gewissen Druck, den du als Vorband nicht verspürst.
„Once you‘re on stage you‘re fucked either way, so it‘s like: you better commit yourself to what youre doing! And you gotta enjoy it.“
Wie begegnest du dieser Art Nervosität? (denkt lange nach)
…mit…Alkohol? (schallendes Gelächter)India: Für mich persönlich, hängt alles am ersten Song. Sobald du den gut gespielt hast, fällt all die Anspannung von dir ab. Am nervösesten bin ich bevor ich anfange zu spielen. Sobald du spielst, ist die Nervosität passé. Zumal man einander auf der Bühne hat: Man schaut sich an und wirft sich Blicke zu, nach dem Motto: Ist das nicht Wahnsinn, was wir hier gerade veranstalten?
Yeah – es geht um Hingabe. Vorher bist du total aufgeregt, aber sobald du auf der Bühne stehst bist du dem Ganzen so oder so schutzlos ausgeliefert, also gibst du dich der Sache besser ganz und gar hin – und genießt es.
Eine interessante Sichtweise. Ja. Ich erinnere mich an die Tour durch Skandinavien und Holland, während der ich mit Angus and Julia Stone unterwegs war. Plötzlich wollten sie, dass ich ein Solo auf der E-Gitarre spiele! Ich hatte keine E-Gitarre mehr gespielt seit ich dreizehn war. Trotzdem haben sie mich auf der Bühne des Paradisos in Holland „ausgesetzt“. Ich erinnere mich, wie ich kurz zuvor neben der Bühne stand und in rund 1500 Gesichter blickte, als Angus meinte: „Alles klar, du kannst jetzt rauf kommen.“ Ich habe mir in die Hose gemacht, so aufgeregt war ich. Einmal auf der Bühne kann dich sowieso jeder sehen, also machst du besser dein Ding! Das habe ich dann auch gemacht. Ich weiß noch wie ich wie gebannt auf den Boden gestarrt habe und mir dachte: Spiel einfach, spiel einfach. Nervöser war ich noch nie. Damals wie heute besteht die Kunst darin, seine Nervosität in etwas Positives umzumünzen.
„I was like: I‘m sorry. I probably played loads of different notes that I shoudn‘t have been playin‘. But I was in full-on panic-mode.“
Hast du Angus und Julia diese Aktion zurückgezahlt? Nein. Sie haben irgendwann vorher erwähnt, dass sie das mit mir vor hatten und ich habe still schweigend zugestimmt. Es war eines dieser Abkommen, bei denen man weiß: irgendwann ist es soweit und dann werde ich nervöser sein als je zuvor und ich kann rein gar nichts dagegen tun – trotzdem will man es. Im Nachhinein haben wir gemeinsam darüber gelacht und ich meinte nur: Sicher habe ich allmögliche Noten gespielt, nur nicht die richtigen – Panikmodus eben.
Also wird das heute ein Spaziergang für euch werden? Kleine Bühne, kleines Publikum. Es ist vergleichsweise einfach ja. India: Es ist leichter, aber umso spezieller. Wirklich speziell.
Yeah. Ich bin immer total stoked, dass tatsächlich immer wieder Leute kommen, die deine Show sehen wollen. Für uns ist es neu unsere eigenen Shows zu haben und Main Act zu sein – so ist es immer etwas Besonderes!
„My songs are always a reflection and a progression of what I‘m doing.“
Wie würdest du deine Musik beschreiben und die Songs, die du schreibst – Verarbeitest du darin die Zweifel, die du ständig hegst? Das ist gar keine schlechte Interpretation. Ich sehe meine Songs als eine Art Rückbesinnung auf das was ich tue und gleichzeitig als eine Art Entwicklung in meinem Denken und Fühlen. Letzte Nacht habe ich während der Show darüber nachgedacht, dass ich in vielen meiner Songs persönliche Erfahrungen thematisiere, gute und schlechte, die ich entweder bereits verdaut, oder mit denen ich noch zu kämpfen habe. Ich denke das ist es was meine Musik ausmacht.
„I hate to generalize my music by saying it‘s Pop-Folk-Rock-Chinese-Lesbian-Funk or whatever!“
Und bezüglich deines Musikstils – wie würdest du den beschreiben? Das ist schon schwieriger. Da bediene ich mich so vieler kleiner Unterkategorien … Ich hasse es meine Musik unter einem Begriff zu generalisieren, indem ich sage ich mache Pop-Folk-Rock-Chinese-Lesbian-Funk oder was auch immer.
Alles klar. Das haben wir. (lacht)
„It‘s funny: I‘m a quite happy person. But my music – there‘s a lot of down beat stuff in it. So I do keep those two sides of me quite seperate. The classic is music and surfing.“
Eine letzte Frage: Du hast gesagt, du bist schizophren. Auf welche Weise äußert sich deine Schizophrenie? Wann habe ich das denn gesagt?
In einem TV-Interview für One-Shot-Not. Oh. Stimmt. Das habe ich gesagt. Mmhhh. Meine Schizophrenie geht in so viele Richtungen. Du bist zum Beispiel immer ein wenig schizophren wenn du Songs schreibst. Da kümmerst du dich in erster Linie überhaupt nicht darum, für wen du die Songs letztlich schreibst, du schreibst sie nur für dich. Im nächsten Moment machst du dir plötzlich Gedanken darüber, ob du diesen oder jenen Refrain nicht doch ein wenig peppiger machen könntest, damit die Leute, die den Song schließlich hören ihn ansprechender finden. Songwriting ist also tatsächlich ein Teil meiner Schizophrenie als Künstler.
India: Schizophrenie?
Ben: Schizophrenie.
India: Ich habe dich noch nie sagen hören, dass du schizophren bist.
Nun, ich glaube ich habe es sogar schon einmal erwähnt. Es ist lustig, weil ich im Grunde ein ziemlich glücklicher Mensch bin. Aber in meiner Musik findet sich eine Menge Schwermut, die in meinem Alltag nicht so präsent ist. Die Musik ist meine persönliche Methode, mit deren Hilfe ich mich mit meinen Problemen auseinandersetze. Für mein wahres Leben bedeutet das, dass ich die Dinge vielleicht ein Stück weit unbeschwerter genießen kann. Ich versuche bewusst diese zwei Seiten von mir zu trennen. Das klassische Beispiel ist Musik und Surfen. Zwar vermischen sich diese zwei Leidenschaften immer mal wieder, im großen Ganzen aber, stellt mein Surfen meine Urlaubs- und Erholungszeit dar, während die Musik für mich weitaus ernsteren Charakter besitzt. Aber keine Sorge: Ich bin nicht wirklich schizophren! (lacht) Eigentlich bin ich bei Verstand. Zumindest gibt es Momente in denen ich clever sein kann (lacht).
„The biggest thing is living for the present – that‘s such a hard thing to conquer! Livin‘ for every little minute. That‘s the best thing about playing music: It‘s that currentness! And that‘s the big similarity with surfing. When you sit there and everything is focused on that and you‘ve got no outside thoughts – that‘s the joy right there!“
Also ist der Musiker in dir der reflektierend philosophierende Denker, während der Surfer in dir, der hedonistisch veranlagte Junggeselle ist? Ganz genau (lacht). Und für das Heute leben – das Wichtigste ist im Hier und Jetzt zu leben! Das ist schwieriger zu erreichen, als es sich anhört. Für jede freie Minute leben! Genau wie wir es gerade genießen euch zu treffen! Und dann gehen wir raus auf die Bühne – das ist das beste am Musikerdasein: diese Gegenwärtigkeit! Und das ist die große Parallele zum Surfen: Du sitzt im Wasser und nur dort. Keinerlei andere Gedanken spuken dir im Kopf herum, nur der Moment ist wichtig. Genau das ist was man Lebensfreude nennt.
Schön gesagt! Yeah. Nimm das als Zitat.
Interview: Henner Thies
Fotos: Timo, Owain Davies, Henner Thies








